{"id":15223,"date":"2024-04-23T05:51:47","date_gmt":"2024-04-23T03:51:47","guid":{"rendered":"https:\/\/fdp-aktiv.de\/blog\/?p=15223"},"modified":"2024-04-23T05:51:47","modified_gmt":"2024-04-23T03:51:47","slug":"stark-watzinger-interview-dem-klima-ist-es-egal-wie-es-genau-gerettet-wird","status":"publish","type":"post","link":"https:\/\/fdp-aktiv.de\/blog\/2024\/04\/23\/stark-watzinger-interview-dem-klima-ist-es-egal-wie-es-genau-gerettet-wird\/","title":{"rendered":"STARK-WATZINGER-Interview: Dem Klima ist es egal, wie es genau gerettet wird"},"content":{"rendered":"<div class=\"clearfix text-formatted field field--name-body field--type-text-with-summary field--label-hidden field__item\">\n<p>Die stellvertretende FDP-Bundesvorsitzende und Bundesministerin f\u00fcr Bildung und Forschung Bettina Stark-Watzinger MdB gab dem \u201eRedaktionsnetzwerk Deutschland\u201c\u00a0(heutige Ausgaben) und \u201ernd.de\u201c das folgende Interview. Die Fragen stelle Tim Szent-Ivanyi:<\/p>\n<p><strong>Frage: <\/strong>Frau Stark-Watzinger, sind Sie leichtgl\u00e4ubig?<\/p>\n<p><strong>Stark-Watzinger: <\/strong>Absolut nicht. Warum fragen Sie?<\/p>\n<p><strong>Frage: <\/strong>Seit Jahrzehnten wird immer wieder versprochen, die Stromerzeugung durch einen Fusionsreaktor komme in 50 Jahren. Sp\u00f6tter sprechen von der Fusionskonstante. Warum glauben Sie, dass es nun klappt?<\/p>\n<p><strong>Stark-Watzinger: <\/strong>Gegenw\u00e4rtig gibt es eine Reihe von vielversprechenden wissenschaftlichen Durchbr\u00fcchen in der Fusion. Denken Sie an den neuen Weltrekord bei der Energieerzeugung am europ\u00e4ischen Forschungsreaktor JET. Die Zukunftsenergie Fusion wird kommen. Es ist nicht die Frage ob, sondern nur noch wann und ob Deutschland dabei ist. Unsere Ambition sollte sein, diese riesige Chance zu nutzen.<\/p>\n<p><strong>Frage: <\/strong>Vermeintliche Durchbr\u00fcche gab es immer wieder, aber dann folgten Sackgassen. Was hat sich aus Ihrer Sicht qualitativ ge\u00e4ndert?<\/p>\n<p><strong>Stark-Watzinger: <\/strong>Neben der Magnetfusion, bei der die Fusion in einem Magnetfeld abl\u00e4uft, hat eine zweite erfolgversprechende Technologie gro\u00dfe Fortschritte gemacht: die Laserfusion. Dabei werden Brennstoffk\u00fcgelchen mit einem Laser beschossen und so die Fusion in Gang gesetzt. Hierzu sind Start-ups auch in Deutschland entstanden, in die viel privates Kapital flie\u00dft. Investoren glauben an die Technologie und die Fusion als Zukunftsenergie. Die Ausgangsbedingungen haben sich also massiv verbessert.<\/p>\n<p><strong>Frage: <\/strong>Wann k\u00f6nnte ein funktionierendes Fusionskraftwerk in Betrieb gehen?<\/p>\n<p><strong>Stark-Watzinger: <\/strong>Unser Positionspapier sieht drei Phasen vor: Bis zur ersten H\u00e4lfte der 2030er-Jahre ist weiterhin viel Forschung notwendig. Bis Anfang der 2040er-Jahre soll es dann erste Kraftwerksprototypen geben. So k\u00f6nnte noch vor Mitte des Jahrhunderts ein wirtschaftlich arbeitendes Fusionskraftwerk in Deutschland ans Netz gehen.<\/p>\n<p><strong>Frage: <\/strong>Kritiker sagen, bis aus Versuchsreaktoren tats\u00e4chlich Kraftwerke w\u00fcrden, seien sie \u00fcberfl\u00fcssig, weil Wind und Solaranlagen die Versorgung gew\u00e4hrleisteten.<\/p>\n<p><strong>Stark-Watzinger: <\/strong>Erneuerbare Energien sind wichtig, stehen aber nun einmal leider nicht rund um die Uhr zur Verf\u00fcgung. Und auch der Transport und die Speicherung sind eine gro\u00dfe Herausforderung. Wir sollten nicht aus immer mehr Technologien aussteigen oder gar nicht erst einsteigen. Wir brauchen Kraftwerkstechnologien, die jeden Tag rund um die Uhr die sogenannte Grundlast absichern. Das ist die Grundlage f\u00fcr Wachstum und Wohlstand. Die Energiekrise hat gezeigt, wie essenziell eine saubere, zuverl\u00e4ssige und bezahlbare Energieversorgung ist. Wir sollten auch nicht wieder in ein Abh\u00e4ngigkeitsverh\u00e4ltnis geraten. Und es gibt einen weiteren Grund.<\/p>\n<p><strong>Frage: <\/strong>Welchen?<\/p>\n<p><strong>Stark-Watzinger: <\/strong>Der Hunger nach elektrischer Energie steigt weltweit. Allein bis zur Mitte des Jahrhunderts wird sich der Bedarf verdoppeln. Zukunftstechnologien wie etwa die K\u00fcnstliche Intelligenz tragen dazu bei. F\u00fcr deren Entwicklung und Nutzung ist viel Rechnerleistung n\u00f6tig. Eine Anfrage an eine KI verbraucht beispielsweise ein Vielfaches der Energie einer normalen Suchmaschinenanfrage. Auch f\u00fcr die Industrie, Mobilit\u00e4t und das Wohnen brauchen wir mehr und bezahlbaren Strom. Wir sollten uns nicht allein auf die erneuerbaren Energien verlassen, sondern technologieoffen sein.<\/p>\n<p><strong>Frage: <\/strong>Dennoch bleibt die Skepsis gegen\u00fcber der Technologie gro\u00df. Die Gr\u00fcnen sprechen angesichts der von Ihnen bis 2028 eingeplanten F\u00f6rdergelder von einer Milliarde Euro von teuren Spielwiesen, die man sich nicht leisten k\u00f6nne.<\/p>\n<p><strong>Stark-Watzinger: <\/strong>Was gab es schon f\u00fcr Fehleinsch\u00e4tzungen \u00fcber die Zukunft! Die Biotechnologie wurde zuerst auch als kompliziert oder gar gef\u00e4hrlich abgelehnt. Inzwischen werden mit ihrer Hilfe zuverl\u00e4ssige Impfstoffe gegen Infektionskrankheiten hergestellt und auch Durchbr\u00fcche bei Krebsimpfstoffen sind absehbar. Sich planwirtschaftlich auf eine Technologie zu beschr\u00e4nken, w\u00e4re falsch. Dem Klima ist es egal, wie es genau gerettet wird. Deshalb m\u00fcssen wir alle erfolgversprechende Technologien nutzen, ohne ideologische Scheuklappen.<\/p>\n<p><strong>Frage: <\/strong>Trotzdem, eine Milliarde Euro sind angesichts der angespannten Haushaltslage eine Menge Geld.<\/p>\n<p><strong>Stark-Watzinger: <\/strong>Richtig, aber die Energieversorgung der Zukunft ist auch keine Kleinigkeit. Das weltweite Wettrennen um sie und andere Schl\u00fcsseltechnologien ist er\u00f6ffnet. Wollen wir hierbei nur zuschauen und am Ende Konsumenten sein, die von anderen abh\u00e4ngig sind? Oder wollen wir Teil der Weltspitze sein? Ich m\u00f6chte f\u00fcr Deutschland letzteres, zumal die Fusionsforschung nicht isoliert zu sehen ist. Schlie\u00dflich ben\u00f6tigt sie Basistechnologien wie beispielsweise die Lasertechnologie, die auch in der Halbleiterfertigung oder Medizintechnik eine wichtige Rolle spielt.<\/p>\n<p><strong>Frage: <\/strong>Gleichwohl gibt es technologische H\u00fcrden: Da w\u00e4re die Frage des ben\u00f6tigten Brennstoffs Tritium, der extrem selten ist. Ist das aus Ihrer Sicht l\u00f6sbar?<\/p>\n<p><strong>Stark-Watzinger: <\/strong>Ja, denn Tritium kann in einem Fusionskraftwerk erzeugt werden. Dar\u00fcber hinaus gibt es Ans\u00e4tze mit anderen Brennstoffen. Die weitere Forschung und der Wettbewerb werden zeigen, welche L\u00f6sung die beste ist.<\/p>\n<p><strong>Frage: <\/strong>Klar ist auch, dass auch bei der Fusion Radioaktivit\u00e4t entsteht. Kein Problem f\u00fcr Sie?<\/p>\n<p><strong>Stark-Watzinger: <\/strong>Im Unterschied zur Kernspaltung entsteht kein langlebiger Atomm\u00fcll. Ein nuklearer Unfall ist physikalisch unm\u00f6glich. Bei einem Problem w\u00fcrde die Fusionsreaktion sofort zum Erliegen kommen. Die Fusion ist also sehr sicher.<\/p>\n<p><strong>Frage: <\/strong>Ein weiterer Einwand: Die Fusionstechnologie lasse sich milit\u00e4risch verwenden, was ein enormes Gefahrenpotenzial berge.<\/p>\n<p><strong>Stark-Watzinger: <\/strong>Das gilt f\u00fcr fast alle Technologien. Gerade deshalb sollte unser Anspruch sein, sie zu beherrschen und mit unseren hohen ethischen Standards zum Wohle der Menschen einzusetzen. Unser Ziel muss dabei sein, Risiken zu minimieren.<\/p>\n<p><strong>Frage: <\/strong>Das ist kein abstraktes Problem: Am internationalen Kernfusionsprogramm Iter ist Russland beteiligt. Sollte man die Russen dort nicht rausschmei\u00dfen?<\/p>\n<p><strong>Stark-Watzinger: <\/strong>Nach dem russischen Angriff auf die Ukraine haben wir die bilaterale wissenschaftliche Zusammenarbeit mit Russland gestoppt. Beim Iter handelt es sich jedoch um eine v\u00f6lkerrechtlich bindende Vereinbarung, die nicht einseitig gek\u00fcndigt werden kann. Wir stimmen uns hier eng mit unseren Partnern ab.<\/p>\n<p><strong>Frage: <\/strong>F\u00fcr die Kernspaltung gilt das Atomgesetz. Was ist eigentlich die rechtliche Basis f\u00fcr die Fusion?<\/p>\n<p><strong>Stark-Watzinger: <\/strong>Das Atomgesetz passt hier nicht. Denn es handelt sich um unterschiedliche Technologien mit unterschiedlichen Risiken. Wir ben\u00f6tigen daher ein eigenst\u00e4ndiges Fusionsgesetz. Es ist auch deshalb wichtig, weil Unternehmen und Investoren Rechts- und Planungssicherheit brauchen. Deshalb wollen wir innovationsfreundliche Regelungen.<\/p>\n<p><strong>Frage: <\/strong>Ich gehe davon aus, dass Sie die Verantwortung f\u00fcr das Fusionsgesetz f\u00fcr sich reklamieren?<\/p>\n<p><strong>Stark-Watzinger: <\/strong>Da wir als Forschungsministerium bereits seit vielen Jahren bestens mit der Fusion vertraut sind, sollte ein Fusionsgesetz in unserem Verantwortungsbereich liegen. Mein Ministerium hat naturgem\u00e4\u00df den direkten Draht zur Wissenschaft, um die noch offenen Fragen f\u00fcr einen derartigen Rechtsrahmen zu kl\u00e4ren. Wir starten noch in diesem Jahr ein entsprechendes Pilotprojekt. Zudem haben wir uns international angeschaut, welche Wege dort gegangen werden. Ein eigenes Gesetz gibt es allerdings noch in keinem Land. Das ist Pionierarbeit.<\/p>\n<p><strong>Frage: <\/strong>Wollen Sie das Gesetz noch in dieser Wahlperiode auf den Weg zu bringen?<\/p>\n<p><strong>Stark-Watzinger: <\/strong>Das w\u00e4re gut f\u00fcr Deutschland. Allerdings ist die Zeit bis zum Ende der Wahlperiode knapp. Wir werden es auf jeden Fall entschieden vorantreiben.<\/p>\n<\/div>\n","protected":false},"excerpt":{"rendered":"<p>Die stellvertretende FDP-Bundesvorsitzende und Bundesministerin f\u00fcr Bildung und Forschung Bettina Stark-Watzinger MdB gab dem \u201eRedaktionsnetzwerk Deutschland\u201c\u00a0(heutige Ausgaben) und \u201ernd.de\u201c das folgende Interview. 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