{"id":15948,"date":"2025-09-29T16:47:33","date_gmt":"2025-09-29T14:47:33","guid":{"rendered":"https:\/\/fdp-aktiv.de\/blog\/?p=15948"},"modified":"2025-09-29T16:47:33","modified_gmt":"2025-09-29T14:47:33","slug":"kubicki-kolumne-weniger-hoersaal-mehr-realitaet","status":"publish","type":"post","link":"https:\/\/fdp-aktiv.de\/blog\/2025\/09\/29\/kubicki-kolumne-weniger-hoersaal-mehr-realitaet\/","title":{"rendered":"KUBICKI-Kolumne: Weniger H\u00f6rsaal, mehr Realit\u00e4t!"},"content":{"rendered":"<div class=\"clearfix text-formatted field field--name-body field--type-text-with-summary field--label-hidden field__item\">\n<p>Der stellvertretende FDP-Bundesvorsitzende Wolfgang Kubicki schrieb f\u00fcr\u00a0Cicero Online\u00a0folgende Kolumne:<\/p>\n<p>In dieser Woche ist etwas Bemerkenswertes passiert. Und damit meine ich nicht, dass Ricarda Lang nach 13 Jahren Studium ihren Bachelor of Laws abgeschlossen hat. Bemerkenswert ist der Nachrichtenwert, den dieser Umstand erfahren hat. Ob\u00a0<em>Stern<\/em>,\u00a0<em>Spiegel<\/em>,\u00a0<em>FAZ<\/em>,\u00a0<em>Tagesspiegel<\/em>\u00a0oder\u00a0<em>Bild<\/em>: Wirklich alle haben am Mittwoch \u00fcber den akademischen Fortschritt der ehemaligen Vorsitzenden von B\u00fcndnis 90\/Die Gr\u00fcnen berichtet.<br \/>\nAls Sozialliberaler alter Pr\u00e4gung wei\u00df ich um den Stellenwert der Bildung als Schl\u00fcssel f\u00fcr echte Chancengerechtigkeit. Nicht nur deswegen will ich an dieser Stelle meine herzlichsten Gl\u00fcckw\u00fcnsche aussprechen und Ricarda Lang die diesw\u00f6chige Kolumne symbolisch widmen. Befassen wir uns also mit der Frage, was der Umstand, dass der Bachelor einer 31-j\u00e4hrigen Frau derart mediale Wellen schl\u00e4gt, \u00fcber den Stellenwert von Bildung und Beruf in der Politik aussagt?<\/p>\n<p>Ein Grund f\u00fcr den beachtlichen medialen Aufschlag ist sicherlich die weit verbreitete Ansicht, dass zu viele Politiker zu wenig Berufserfahrung haben bzw. nicht einmal eine richtige Ausbildung oder einen Abschluss. Auch ich habe das immer wieder thematisiert und halte die Tendenz auch wirklich f\u00fcr bedenklich. Der Souver\u00e4n ist das Volk, und die Abgeordneten sind nur seine Vertreter. Idealtypisch kommen die Abgeordneten aus dem Volk und teilen damit auch seine Erfahrungen oder die Lebenswirklichkeit der Menschen im Land. Und f\u00fcr seinen Lebensunterhalt arbeiten zu m\u00fcssen und sich daf\u00fcr zu qualifizieren, ist eine Erfahrung, die unter den Deutschen gl\u00fccklicherweise noch weit verbreitet ist. Da ist es nur gesund, wenn m\u00f6glichst viele im politischen Betrieb diese Erfahrung teilen w\u00fcrden, ohne der Fehleinsch\u00e4tzung zu unterliegen, Politiker sei ein Beruf. Unter den Abgeordneten gibt es diese Menschen nat\u00fcrlich auch zur Gen\u00fcge. Ich war immer stolz, w\u00e4hrend meiner ganzen Politikkarriere meine berufliche Unabh\u00e4ngigkeit erhalten zu haben. Auch wenn meine politischen Gegner \u2013 vor allem von links \u2013 immer wieder Gift und Galle deswegen gespuckt haben. Neben dem Mandat an seiner beruflichen Unabh\u00e4ngigkeit festzuhalten, wurde mit einigem Erfolg l\u00e4ngst als etwas Anr\u00fcchiges geframet. Dabei erw\u00e4chst nur aus wirtschaftlicher Unabh\u00e4ngigkeit auch politische Unabh\u00e4ngigkeit. Wer wirtschaftlich unabh\u00e4ngig ist, also auf Posten und Mandate finanziell nicht angewiesen, ist schwerer zu korrumpieren. Und nat\u00fcrlich sind solche Abgeordneten auch schwerer zu disziplinieren. Diejenigen, die meine Person in den 90er- und 00er-Jahren gegen\u00fcber Journalisten gerne als \u201eEnfant terrible\u201c oder \u201eAu\u00dfenseiter\u201c abgestempelt haben, k\u00f6nnen ein Lied davon singen.<\/p>\n<p>Aber nicht nur die Unabh\u00e4ngigkeit, sondern auch die Erfahrungen des \u201eechten Lebens\u201c sind es, die jungen Abgeordneten oftmals abgehen. Das Klischee von \u201eKrei\u00dfsaal, H\u00f6rsaal, Plenarsaal\u201c trifft leider h\u00e4ufig zu. Auch das ist ein Problem \u2013 und zwar unabh\u00e4ngig davon, ob ein Studienabschluss erreicht wurde oder nicht. Es bef\u00f6rdert zudem eine immer weiter voranschreitende Entfremdung zwischen Vertretern und Vertretenen. Dabei spielt es keine Rolle, ob Sie gestandener Handwerksmeister oder erfolgreicher Hirnchirurg sind: Wenn Ihnen im Parlament ein schneidiger 27-j\u00e4hriger Sozialwissenschaftler ohne jede Berufserfahrung erkl\u00e4rt, wie der Hase l\u00e4uft, kommt eher Skepsis als Begeisterung auf. Und wenn die Abgeordneten jetzt mit Baby an das Rednerpult treten, finden das viele toll. Manch berufst\u00e4tige Frau fragt sich hingegen, wieso Parlamentarier sich bei aller bereits bestehenden finanziellen Privilegien Dinge herausnehmen, die in der Berufswelt undenkbar sind. Das mag man beklagen, aber so ist die harte Realit\u00e4t. Weder im Supermarktlager noch im OP-Saal wird man mit umgeh\u00e4ngtem Baby seiner Pflicht gut nachkommen k\u00f6nnen.<\/p>\n<p>Der Weg aus der abstrakten Welt der Universit\u00e4ten f\u00fchrt allzu oft ohne Umwege in die nicht minder abstrakte Welt der Gesetzgebung. So ist eine Politikergeneration herangewachsen, die theoretisch geschult bis naseweis in Erscheinung tritt. Viele von ihnen haben den Kontakt zur Realit\u00e4t nicht verloren, sondern nie gehabt. Deswegen ist das Erlangen eines Studienabschlusses zwar etwas, das sehr zu begr\u00fc\u00dfen ist. Wichtiger scheint mir aber die tats\u00e4chliche Berufsaus\u00fcbung, also der Beweis, mit der erlangten Qualifikation auch den Lebensunterhalt zu bestreiten. Das gelingt vielen auch ohne Ausbildung, manchen sogar recht erfolgreich. Und vielen gelingt es trotz Jahrzehnten an den Universit\u00e4ten nicht wirklich.<\/p>\n<p>Und mal Hand aufs Herz: Das Studieren um des Studierens willen war eine der fatalsten Lebensl\u00fcgen, die Rot-Gr\u00fcn erfolgreich verbreitet hat. Der Umstand, die geistigen Voraussetzungen zum Abschluss eines Studiums zu haben, ist kein ausreichender Grund, eines abzuschlie\u00dfen. Interesse, bestenfalls Begeisterung sollte hinzukommen. Und nat\u00fcrlich eine Perspektive. Wer heute seinen Kindern eine goldene Zukunft w\u00fcnscht, hofft auf ihr handwerkliches Geschick und dass sie einen Bogen um Soziologie-Vorlesungen machen und in eine solide Berufsausbildung gehen. Aber auch diese Realit\u00e4t bildet sich im Bundestag nicht ab. Derzeit betr\u00e4gt dort die Akademikerquote 81 Prozent. \u201eHauptsache studieren\u201c gilt hier noch etwas, w\u00e4hrend sich in der Gesellschaft dieser Ansatz durch den enormen technischen Fortschritt bei K\u00fcnstlicher Intelligenz schon sehr bald \u00fcberholen wird.<\/p>\n<p>Nun ist der Befund das eine, die Aufl\u00f6sung solcher Probleme etwas anderes. Wenig \u00fcberraschend werde ich hier keine Lanze f\u00fcr irgendwelche Quoten brechen. \u00dcber die Vorstellung, dass echte oder vermeintliche \u201eExperten\u201c die besseren Politiker sind, kann ich seit Corona ohnehin nur noch m\u00fcde l\u00e4cheln. Das letzte Mal, dass nach einem \u201eExperten\u201c in der Regierung gerufen wurde, wachten wir mit Karl Lauterbach als Gesundheitsminister auf. Nein, die Expertokratie ersetzt die Demokratie nicht. Die Menschen sollen und m\u00fcssen w\u00e4hlen, wen sie wollen. Und wenn es 30-j\u00e4hrige Bachelor-Studenten sind, dann ist das so. Die W\u00e4hler haben es in der Hand. Aber vielleicht f\u00fchrt der Bachelor-Abschluss von Ricarda Lang auch bei Gr\u00fcnen-Anh\u00e4ngern zu einem Umdenken, und es wird wieder mehr hinterfragt, wen man da eigentlich in das Parlament schickt. Jedenfalls sollte nicht weiter der Eindruck entstehen, dass ein Abschluss, eine Ausbildung oder ein Beruf f\u00fcr das politische Fortkommen eher hinderlich ist. Das ist der eigentliche Kulturwandel, den ich mir w\u00fcnschte. Eine politische Kultur, in der Berufserfahrung ein Plus und kein Manko ist. Und eine politische Kultur, die zu erkennen gibt, dass universit\u00e4re Bildung der beruflichen Bildung nicht \u00fcberlegen ist.<\/p>\n<p>Das sichert nicht nur die Unabh\u00e4ngigkeit der Abgeordneten und damit auch die politische Kultur, sondern verschafft gerade auch jungen Politikerinnen und Politikern eine gewisse nat\u00fcrliche Autorit\u00e4t. Oder um es etwas populistisch auszudr\u00fccken: So h\u00e4tten auch die linksten Politiker eine Chance von weiten Teilen der Bev\u00f6lkerung ernst genommen zu werden.<\/p>\n<p>&nbsp;<\/p>\n<\/div>\n","protected":false},"excerpt":{"rendered":"<p>Der stellvertretende FDP-Bundesvorsitzende Wolfgang Kubicki schrieb f\u00fcr\u00a0Cicero Online\u00a0folgende Kolumne: In dieser Woche ist etwas Bemerkenswertes passiert. 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