{"id":2538,"date":"2021-09-15T15:51:06","date_gmt":"2021-09-15T13:51:06","guid":{"rendered":"https:\/\/fdp-aktiv.de\/blog\/?p=2538"},"modified":"2021-09-15T15:51:06","modified_gmt":"2021-09-15T13:51:06","slug":"lindner-interview-german-engineered-klimaschutz-muss-unser-leitbild-sein","status":"publish","type":"post","link":"https:\/\/fdp-aktiv.de\/blog\/2021\/09\/15\/lindner-interview-german-engineered-klimaschutz-muss-unser-leitbild-sein\/","title":{"rendered":"LINDNER-Interview: German engineered Klimaschutz muss unser Leitbild sein"},"content":{"rendered":"<p>Der FDP-Bundesvorsitzende Christian Lindner gab der \u201etaz, die tageszeitung\u201c (Mittwoch-Ausgabe) und \u201etaz.de\u201c das folgende Interview. Die Fragen stellten Jasmin Kalarickal und Peter Unfried:<\/p>\n<figure id=\"attachment_2293\" aria-describedby=\"caption-attachment-2293\" style=\"width: 800px\" class=\"wp-caption aligncenter\"><img loading=\"lazy\" decoding=\"async\" class=\"size-large wp-image-2293\" src=\"https:\/\/fdp-aktiv.de\/blog\/wp-content\/uploads\/2021\/08\/Lindner_Pressefoto-1024x683.jpg\" alt=\"Christian Lindner\" width=\"800\" height=\"534\" srcset=\"https:\/\/fdp-aktiv.de\/blog\/wp-content\/uploads\/2021\/08\/Lindner_Pressefoto-1024x683.jpg 1024w, https:\/\/fdp-aktiv.de\/blog\/wp-content\/uploads\/2021\/08\/Lindner_Pressefoto-300x200.jpg 300w, https:\/\/fdp-aktiv.de\/blog\/wp-content\/uploads\/2021\/08\/Lindner_Pressefoto-768x512.jpg 768w, https:\/\/fdp-aktiv.de\/blog\/wp-content\/uploads\/2021\/08\/Lindner_Pressefoto-1536x1024.jpg 1536w, https:\/\/fdp-aktiv.de\/blog\/wp-content\/uploads\/2021\/08\/Lindner_Pressefoto-2048x1365.jpg 2048w\" sizes=\"auto, (max-width: 800px) 100vw, 800px\" \/><figcaption id=\"caption-attachment-2293\" class=\"wp-caption-text\">Christian Lindner<\/figcaption><\/figure>\n<p>Frage: Herr Lindner, auf einem Wahlplakat sitzen Sie sinnierend im fahlen Licht wie Kant in K\u00f6nigsberg und schreiben mit der Hand auf Papier. Was schreiben Sie da \u2013 einen liberalen Imperativ?<\/p>\n<p>Lindner: Normalerweise arbeite ich elektronisch. Entweder habe ich mir Notizen f\u00fcr eine Rede gemacht oder einen Brief zu einem besonderen Geburtstag geschrieben. Zu solchen Anl\u00e4ssen schreibe ich von Hand.<\/p>\n<p>Frage: Der Plakat-Lindner hat sich ver\u00e4ndert. Weniger digital im Unterhemd, sondern staatsm\u00e4nnischer, intellektueller, poetischer. Warum?<\/p>\n<p>Lindner: Die \u00e4sthetische Einordnung unserer Kampagne muss ich anderen \u00fcberlassen. Die Kernbotschaft ist: \u201eMehr Freude am Erfinden als am Verbieten\u201c und \u201eFreiheit hat Verb\u00fcndete\u201c. Die FDP will die gro\u00dfen Fragen Digitalisierung, Dekarbonisierung und Demografie angehen, aber dar\u00fcber die Bedeutung der Freiheit nicht vernachl\u00e4ssigen. Der bedeutende Soziologe Heinz Bude hat unl\u00e4ngst in einem taz-Interview darauf hingewiesen, dass die FDP als einzige Partei das Individuum im Zentrum habe, weshalb sich das gr\u00fcne Milieu mit uns besch\u00e4ftigen solle. Er hat recht.<\/p>\n<p>Frage: Das Bundesverfassungsgericht hat ein Urteil gesprochen, das die Freiheitsrechte dieses Individuums auf die Zukunft erweitert. Robert Habeck hat beim Gr\u00fcnen-Parteitag eine Rede gehalten, in der er deshalb Klimapolitik als Freiheits\u00adpolitik definiert hat. Welche politischen und intellektuellen Konsequenzen ziehen Sie aus dem Urteil?<\/p>\n<p>Lindner: Dieser Gedanke ist uns schon lange vertraut. Intergenerative Gerechtigkeitsbeziehungen und eine entsprechende Freiheitsbilanz leiten uns seit den 1990er Jahren. Damals hat die FDP als erste Partei eine Schuldenbremse im Grundgesetz vorgeschlagen. Nachfolgende Generationen m\u00fcssen einen handlungsf\u00e4higen Staat vorfinden. Nachhaltigkeit ist ein Gebot der \u00d6kologie wie der \u00d6konomie gleicherma\u00dfen. Deshalb hat mich \u00fcberrascht, dass Herr Habeck in Bezug auf die Staatsfinanzen hinter das Gebot der Generationengerechtigkeit zur\u00fcckgefallen ist. Wir m\u00fcssen aber den Staat aus der Abh\u00e4ngigkeit der Kapitalm\u00e4rkte befreien, indem wir ihn aus dem Defizit befreien.<\/p>\n<p>Frage: Wie verh\u00e4lt sich die intergenerative Freiheitsbilanz beim Klimaschutz? Das war bisher nicht das wichtigste Feld der FDP.<\/p>\n<p>Lindner: Manche haben bedauerlicherweise diesen Eindruck gewonnen. Tats\u00e4chlich war es Hans-Dietrich Genscher, der Anfang der 70er Jahre als Innenminister eine Abteilung f\u00fcr Umweltschutz schuf und das erste Umweltprogramm einer Bundesregierung vorlegte. Er hat auch das Umweltbundesamt gegr\u00fcndet. Damals wurde Umweltschutz aus dem Gedanken des Ordnungsrechts heraus betrieben, mit der Definition absoluter Belastungsgrenzen und dem Verursacherprinzip.<\/p>\n<p>Frage: Das kam dann aber nicht.<\/p>\n<p>Lindner: Mit dieser Feststellung tut man der sozialliberalen Koalition unrecht. Es gab gro\u00dfe Fortschritte. Willy Brandts Vision des blauen Himmels \u00fcber der Ruhr wurde Realit\u00e4t. Richtig ist aber, dass \u00f6kologisches Denken \u00fcber die Jahrzehnte von Linken gekapert wurde. Damit verschoben sich auch die Politikans\u00e4tze vom Ordnungsrahmen in Richtung staatliche Detailvorgaben und Steuerung. Wenn wir Klimaschutz zu einer global bew\u00e4ltigten Herausforderung machen wollen, m\u00fcssen ihn wieder vom linken Denken befreien. Wir haben nur eine Chance mit marktwirtschaftlichem Ideenwettbewerb und Technologiefreude.<\/p>\n<p>Frage: Ihre Partei sagt vor allem, was sie alles nicht will: kein Tempolimit auf Autobahnen, keine Pr\u00e4mie f\u00fcr Elektroautos, kein Verbot der Verbrennermotoren. Was hei\u00dft das Urteil von Karlsruhe denn konkret f\u00fcr liberale Politik?<\/p>\n<p>Lindner: Schon vor dem Urteil haben wir f\u00fcr einen klimapolitischen Neustart pl\u00e4diert. Die aktuelle Klima- und <a href=\"https:\/\/fdp-aktiv.de\/blog\/2021\/01\/29\/fdp-forderung-energiepolitik\/\" data-internallinksmanager029f6b8e52c=\"6\" title=\"FDP Forderung Energiepolitik\" target=\"_blank\" rel=\"noopener\">Energiepolitik<\/a> geht im Grunde noch auf den gr\u00fcnen Umweltminister J\u00fcrgen Trittin zur\u00fcck. Entstanden ist ein Labyrinth von Vorschriften, Geboten, Verboten, Subventionen, Anreizen und Programmen, in dem sich niemand mehr auskennt. Dennoch wollen es manche noch ausbauen. Wir schlagen dagegen vor, die absolute Belastungsgrenze zu definieren. Konkret sprechen wir von einem CO2-Deckel, dem nicht \u00fcberschreitbaren Budget an noch erlaubten CO2-Emissionen f\u00fcr unser Land, europ\u00e4isch abgestimmt. Unterhalb dieses Deckels ist es Sache von Ingenieurinnen und Technikern im Markt, CO2 zu vermeiden oder CO2 zu speichern oder CO2 teilweise international zu kompensieren. Der Import synthetischer Kraftstoffe zum Beispiel aus Chile oder von gr\u00fcnem Wasserstoff aus dem globalen S\u00fcden kann helfen. Ein Importland f\u00fcr Energie werden wir realistischerweise bleiben.<\/p>\n<p>Frage: Wollen wir \u00fcber Zahlen f\u00fcr das Budget reden?<\/p>\n<p>Lindner: Die Festlegung von Tonnen \u00fcberlasse ich Na\u00adturwissenschaftlern. Als Politiker treffe ich Entscheidungen auf der Basis wissenschaftlicher Evidenz. F\u00fcr uns sind die Pariser Klimaziele der Ma\u00dfstab.<\/p>\n<p>Frage: Ein wirklich freier Markt auf der Grundlage eines global fairen Budgets kann aber in der Konsequenz einen Benzinpreis von, sagen wir mal, 9 Euro bringen?<\/p>\n<p>Lindner: Wenn Sie nun die Perspektive auf globale Fairness weiten, dann w\u00fcrde ich die globale Arbeitsteilung einbeziehen. Dann k\u00f6nnten wir zum Beispiel Waldbauern in Brasilien das Gesch\u00e4ftsmodell er\u00f6ffnen, Regenwald zu pflegen und aufzuforsten, statt zu roden. Die Speicherung von CO2 k\u00f6nnte unser Budget entlasten. Aber vielleicht bleiben wir zun\u00e4chst in Deutschland und Europa. Beim Handel mit Emissionszertifikaten k\u00f6nnen wir genau wissen, wie hoch der Preis zu einem bestimmten Zeitpunkt sein wird. Mit der Knappheit von Ressourcen kann der Suchprozess der Marktwirtschaft aber am besten umgehen. Es ist deshalb zu erwarten, dass die Marktteilnehmer nach kosteng\u00fcnstigen Alternativen und Innovationen Ausschau halten.<\/p>\n<p>Frage: Wie stehen Sie denn zum Verh\u00e4ltnis von Freiheit und Vorgaben vom Staat in Bezug auf k\u00fcnftige Generationen?<\/p>\n<p>Lindner: Es muss diese Vorgaben geben. Aber nicht nur in der \u00d6kologie. Deshalb halten wir ja an der Schuldenbremse fest, im Unterschied zu den Gr\u00fcnen. Aus dem Urteil des Bundesverfassungsgerichts ergibt sich aber keine Notwendigkeit, heute Symbolpolitik zu betreiben. Das Gericht hat zudem die Frage der Technologieoffenheit angesprochen. Dieser Aspekt hat bedauerlicherweise das gr\u00fcne Denken nicht beeinflusst.<\/p>\n<p>Frage: Ist das so?<\/p>\n<p>Lindner: Leider. Die Verbotsdebatte wird fortgesetzt.<\/p>\n<p>Frage: Warum finden Sie eigentlich Verbote so schlimm?<\/p>\n<p>Lindner: Verbote von Technologien wie dem Verbrennungsmotor beenden Entwicklungspfade. Damit werden Chancen ausgeschlagen. Manche Technologieoption wird in der Zukunft vielleicht noch ben\u00f6tigt. \u00dcbrigens, in der Schweiz ist gerade ein Referendum \u00fcber ein Klimagesetz gescheitert. Das lag auch an der mangelnden Unterst\u00fctzung der jungen Generation. Offenbar hatten nicht wenige das Gef\u00fchl, ihre wirtschaftliche Entwicklungsperspektiven w\u00fcrden beschnitten und die eigene Freiheit w\u00fcrde zu stark in ein Korsett gebracht. Wir sollten es anders machen, um Vorbildcharakter zu haben.<\/p>\n<p>Frage: Inwiefern wollen Sie Vorbild f\u00fcr die Welt sein?<\/p>\n<p>Lindner: Wir wissen ja, dass Milliarden Menschen auf der Welt Entwicklungsziele haben. Milliarden brauchen noch gesundheitlichen und sozialen Schutz und tr\u00e4umen von Wohlstand, den wir in den 1970er Jahren bereits hatten. Wir werden China, Indien, Afrika oder S\u00fcdamerika nicht sagen k\u00f6nnen: Verzichtet auf Wachstum und Wohlstand. Wir werden ihnen nur sagen k\u00f6nnen: Wir haben einen Weg, Wachstum und Zugewinn an Wohlstand zu verbinden mit Ressourcenschonung. Deutsche werden nicht das Klima sch\u00fctzen mit dem Leitbild Klimaschutz aus Bullerb\u00fc, wie die Gr\u00fcnen es hier in Berlin anregen. German engineered Klimaschutz muss unser Leitbild sein.<\/p>\n<p>Frage: Bullerb\u00fc und die Chinesen, wir haben schon drauf gewartet. Aber, okay, der gr\u00fcne Vordenker Ralf F\u00fccks sagt das seit Langem: Die wachsenden Mittelschichten in Asien werden nicht verzichten, nur weil die Deutschen das fordern. Es k\u00f6nne nur funktionieren, wenn intelligentes Wachstum auf Entkopplung von Ressourcenverbrauch beruhe. Trotzdem gibt es Bereiche, in denen auf keinen Fall weiter gewachsen werden darf. Und daf\u00fcr braucht es Regulierungspolitik.<\/p>\n<p>Lindner: Gegen Regulierung ist nichts zu sagen. Der EU-Emissionshandel f\u00fcr CO2 ist ja eine solche. Sie sorgt de facto daf\u00fcr, dass Braunkohlekraftwerke schon bald nicht mehr rentabel sind und weit vor 2038 vom Netz genommen w\u00fcrden. Ich verwende den Konjunktiv, weil das betriebswirtschaftlich aufgrund des CO2-Markts von den Eigent\u00fcmern gew\u00fcnschte Ende vermutlich physikalisch dem Netzausbau weit vorausgeht.<\/p>\n<p>Frage: Die Erderhitzung schreitet ungebremst voran. Jede politische Ideologie muss sich auf der Grundlage dieser radikal ver\u00e4nderten physikalischen Realit\u00e4t neu erfinden. Das bedeutet gerade f\u00fcr Sie als Freiheitsverteidiger einen radikalen Denkwechsel.<\/p>\n<p>Lindner: Das Denken muss sich immer erneuern. Aber Sie haben offenbar eine Karikatur von Liberalismus im Sinn, wenn Sie exklusiv an uns appellieren.<\/p>\n<p>Frage: Dann kl\u00e4ren Sie uns auf.<\/p>\n<p>Lindner: Ich habe es im bisherigen Gespr\u00e4ch nicht vermocht.<\/p>\n<p>Frage: Daran sind wir schuld?<\/p>\n<p>Lindner: Nein, ich muss mich geschlagen geben. Allerdings stelle ich mir die Frage, wie Ihr Verst\u00e4ndnis von Freiheit ist und welche Bedeutung Sie ihr einr\u00e4umen. Als Freiheitsverteidiger, wie Sie sagen, wird man ja systematisch in angeblichen Widerspruch zu physikalischen Realit\u00e4ten gebracht. Ich sehe es ganz anders. Nur wenn wir in einem klaren Ordnungsrahmen den Erfindergeist der Menschen entfesseln, haben wir eine Chance. Es geht darum, unseren Lebensstil nachhaltig zu machen, indem wir fossile Anwendungen und Verhaltensweisen durch gleichwertige dekarbonisierte ersetzen, ohne dabei Freiheiten zu verlieren.<\/p>\n<p>Frage: Darin sind wir uns also doch einig?<\/p>\n<p>Lindner: Ich habe niemals etwas anderes gesagt. Aber ich wende mich gegen Ihre linken Methoden.<\/p>\n<p>Frage: Was f\u00fcr linke Methoden?<\/p>\n<p>Lindner: Linke Methoden sind: staatliches Verbot, staatliche Detailsteuerung, staatliche Produktion, Umverteilung und Subventionierung. Liberale Methoden sind: Ordnungsrahmen, Erfindergeist, Forschungsfreiheit, Anreize, aus Gr\u00fcnden der Wachstumschancen in neue Technologien zu gehen.<\/p>\n<p>Frage: Je weniger Klimapolitik, desto weniger Freiheiten werden wir haben und desto anf\u00e4lliger werden die Gesellschaften und desto schlechter werden sie mit zunehmenden Katastrophen umgehen k\u00f6nnen. Was wir jetzt in NRW und Rheinland-Pfalz hatten, kann man nicht jedes Jahr bew\u00e4ltigen. Und wir haben, mit allem Respekt, nicht den Eindruck, dass das Parteiprogramm der FDP sich um diese Antworten bem\u00fcht. Der Markt wird das nicht erledigen, wenn es keine rahmende Regulierungspolitik gibt.<\/p>\n<p>Lindner: Mit dem CO2-Deckel geben wir einen Ordnungsrahmen vor. Innerhalb des Ordnungsrahmens interessiert uns nur, dass das Auto klimaneutral wird. Ob es batterieelektrisch angetrieben ist, mit synthetischem Fl\u00fcssigkraftstoff oder Wasserstoff-Brennstoffzelle, ist keine Sache der Politik.<\/p>\n<p>Frage: Herr Lindner, k\u00f6nnen liberale Methoden auch sozial sein, oder ist das ein Widerspruch?<\/p>\n<p>Lindner: Im Gegenteil. Einerseits stellt erst eine starke Wirtschaft die Mittel bereit, die danach f\u00fcr soziale und \u00f6kologische Zwecke ben\u00f6tigt werden. Andererseits ist das sozialste Anliegen doch, allen Menschen unabh\u00e4ngig von ihrer Herkunft Lebenschancen zu er\u00f6ffnen. Eine Politik f\u00fcr die Freiheit investiert in die Bildung der Menschen, damit sie diese Freiheit \u00fcberhaupt entfalten k\u00f6nnen.<\/p>\n<p>Frage: Dass in der <a href=\"https:\/\/fdp-aktiv.de\/blog\/2021\/01\/29\/fdp-forderung-bildung\/\" data-internallinksmanager029f6b8e52c=\"3\" title=\"FDP Forderung Bildungspolitik\">Bildungspolitik<\/a> viel passieren muss, da sind sich doch fast alle Parteien einig. Der Aufstieg ist sehr schwierig und sehr vom Elternhaus abh\u00e4ngig. Aber wie ist Ihr Blick auf die sozialen Sicherungssysteme? Sie wollen ein liberales B\u00fcrgergeld einf\u00fchren, in dem auch Kindergeld und Wohngeld in einem Sicherungsbetrag zusammengefasst werden. Hat man am Ende mehr oder weniger als Hartz IV?<\/p>\n<p>Lindner: Es w\u00fcrde f\u00fcr die Einzelnen eine Verbesserung der Lebenssituation bedeuten, weil sich die Aufnahme einer Besch\u00e4ftigung lohnt. Und das ist der Unterschied zum jetzigen Hartz-IV-System: Da verbleiben der Alleinerziehenden vom Minijob nur 100 Euro Taschengeld, danach werden 80 Prozent von allem, was man verdient, entzogen. Das finde ich die gr\u00f6\u00dfte Ungerechtigkeit in unserem Land, dass nicht bei den Bundesliga-Million\u00e4ren die h\u00f6chste Belastung besteht, sondern ausgerechnet bei Menschen, die sich mit Flei\u00df eine bessere Lebenssituation erarbeiten wollen.<\/p>\n<p>Frage: Sie reden \u00fcber die Frage des Zuverdienstes und wollen offenbar auch hier keine Zahl nennen. Versuchen wir es so: Sind Sie einverstanden mit der H\u00f6he der Hartz-IV-Regels\u00e4tze?<\/p>\n<p>Lindner: Die Hartz-IV-Regels\u00e4tze sind f\u00fcr mich keine Frage der Parteipolitik, sondern es ist ein unabh\u00e4ngiges Sachverst\u00e4ndigenurteil anhand eines Warenkorbs.<\/p>\n<p>Frage: Wie viel braucht ein Mensch, um frei zu leben? Diese Frage k\u00f6nnte doch ein liberales Thema sein. Bei den Berechnungen des Existenzminimums orientieren wir uns jetzt an den Ausgaben der \u00e4rmsten 20 Prozent, und dann werden noch zus\u00e4tzlich Ausgaben abgezogen, etwa f\u00fcr Zigaretten oder Alkohol. Da k\u00f6nnte man doch als Liberaler mal sagen: Das ist antiliberal.<\/p>\n<p>Lindner: Wie gesagt, unser Ansatzpunkt ist die Aufw\u00e4rtsmobilit\u00e4t. Zielgerichtete Qualifikation, die Dynamisierung des Minijobs gekoppelt an den Mindestlohn, damit sich das Einkommen verbessert und sich nicht nur das Arbeitszeitvolumen reduziert. Wir wollen, dass sich Menschen Sprosse f\u00fcr Sprosse auf der Leiter des sozialen Aufstiegs nach oben entwickeln k\u00f6nnen.<\/p>\n<p>Frage: Sie haben den Mindestlohn angesprochen. Ihre Partei hat sich doch lange gegen die Idee eines Mindestlohns gestellt.<\/p>\n<p>Lindner: Ihre Information ist unrichtig. Der Pflegemindestlohn wurde beispielsweise von einem liberalen Gesundheitsminister eingef\u00fchrt.<\/p>\n<p>Frage: Sie haben sich lange gegen den fl\u00e4chendeckenden Mindestlohn gewehrt.<\/p>\n<p>Lindner: Das ist richtig. Wir wollten eine branchenbezogene, regionalisierte Lohnuntergrenze. Damit waren wir nicht allein. Auch die Chemiegewerkschaft IGBCE als DGB-Gewerkschaft vertrat dies damals nach meiner Erinnerung. Aber dieser Ansatz hat sich nicht durchgesetzt.<\/p>\n<p>Frage: Herr Lindner, war es angesichts der weitgehenden Fixierung des Wahlkampfs auf die drei Kanzlerkandidaten ein Fehler, dass Sie sich nicht auch Kanzlerkandidat genannt haben?<\/p>\n<p>Lindner: Nein, weil wir realistisch an die Dinge herangehen. Die Gr\u00fcnen sind der Versuchung erlegen, ein solches Wahlkampfman\u00f6ver zu machen.<\/p>\n<p>Frage: Das Hauptproblem der Gr\u00fcnen scheint neben der Ablehnung der Person zu sein, dass Frau Baerbocks Aufbruchwahlkampf auf eine ersch\u00f6pfte Gesellschaft st\u00f6\u00dft, die entgegen dem Gr\u00fcnen-Slogan eben nicht \u201ebereit\u201c ist. Bei Ihnen funktioniert der Aufbruchwahlkampf gerade ein bisschen besser. Warum?<\/p>\n<p>Lindner: Es gibt eine wachsende Zahl von Menschen \u2013 insbesondere bei den unter 30-J\u00e4hrigen sind wir sehr stark \u2013, die wie wir begeistert sind, welche Chancen saubere Technologien haben, die Tempo bei der Digitalisierung w\u00fcnschen, die ihre Freiheit lieben, die sich etwas aufbauen wollen. Sie wollen nicht, dass unsere sozialen Sicherungssysteme br\u00fcchig werden, sondern wollen aufgekl\u00e4rt die M\u00f6glichkeiten der Kapitalm\u00e4rkte nutzen.<\/p>\n<p>Frage: Sie haben mal gesagt, dass Sie dieses Mal eine Regierungsbeteiligung liefern m\u00fcssen, sonst ist Ihre Zeit als FDP-Chef abgelaufen. Gilt das noch?<\/p>\n<p>Lindner: Nein, ich habe gesagt, dass mein Anspruch ist, meine Partei in die Regierung zu f\u00fchren. Das m\u00f6chte ich w\u00e4hrend meiner Zeit als Vorsitzender erreichen. Aber das bezieht sich nicht auf eine einzelne Bundestagswahl.<\/p>\n<p>Frage: Ach so, das kann auch noch in 20 Jahren passieren?<\/p>\n<p>Lindner: Nun ja, die Geduld der anderen sollte man nicht \u00fcberstrapazieren, aber mit 42 Jahren h\u00e4tte ich noch Ausdauer. Es w\u00e4re t\u00f6richt, vor einer solchen Wahl zu sagen, man bindet sich selbst an das Ergebnis einer Regierungsbildung, die man ja gar nicht selbst in der Hand hat.<\/p>\n<p>Frage: Das zumindest gestehen Sie zu, dass Sie es nicht in der Hand haben, zwischen Ampel und Jamaika zu w\u00e4hlen.<\/p>\n<p>Lindner: Auf solche Konstellationen haben wir Einfluss. Je n\u00e4her wir an die Gr\u00fcnen heranr\u00fccken, desto mehr k\u00f6nnen wir sicherstellen, dass das Land weiter aus der Mitte gef\u00fchrt wird. Einen Linksdrift wollen wir nicht. Deutschland ist schon links genug. Ich bezog mich jetzt darauf, dass es ja auch Rot-Gr\u00fcn-Rot geben k\u00f6nnte.<\/p>\n<p>Frage: Diese Konstellation ist doch eine m\u00fcde Nachtgespenst-Geschichte von Union und Ihnen.<\/p>\n<p>Lindner: Ich habe umgekehrt den Eindruck, dass die Koalitionsverhandlungen zwischen den dreien dieser Tage sogar schon auf offener B\u00fchne beginnen.<\/p>\n","protected":false},"excerpt":{"rendered":"<p>Der FDP-Bundesvorsitzende Christian Lindner gab der \u201etaz, die tageszeitung\u201c (Mittwoch-Ausgabe) und \u201etaz.de\u201c das folgende Interview. 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