{"id":4060,"date":"2022-01-24T13:31:54","date_gmt":"2022-01-24T12:31:54","guid":{"rendered":"https:\/\/fdp-aktiv.de\/blog\/?p=4060"},"modified":"2022-01-24T13:31:54","modified_gmt":"2022-01-24T12:31:54","slug":"djir-sarai-interview-es-muss-moeglich-sein-sich-nach-oben-zu-arbeiten","status":"publish","type":"post","link":"https:\/\/fdp-aktiv.de\/blog\/2022\/01\/24\/djir-sarai-interview-es-muss-moeglich-sein-sich-nach-oben-zu-arbeiten\/","title":{"rendered":"DJIR-SARAI-Interview: Es muss m\u00f6glich sein, sich nach oben zu arbeiten"},"content":{"rendered":"<div class=\"clearfix text-formatted field field--name-body field--type-text-with-summary field--label-hidden field__item\">\n<p>Der designierte FDP-Generalsekret\u00e4r Bijan Djir-Sarai gab \u201eZeit Online\u201c das folgende Interview. Die Fragen stellten Ferdinand Otto und Lisa Caspari:<\/p>\n<figure id=\"attachment_4020\" aria-describedby=\"caption-attachment-4020\" style=\"width: 1200px\" class=\"wp-caption aligncenter\"><a href=\"https:\/\/fdp-aktiv.de\/blog\/wp-content\/uploads\/2022\/01\/bijan.jpg\"><img loading=\"lazy\" decoding=\"async\" class=\"size-full wp-image-4020\" src=\"https:\/\/fdp-aktiv.de\/blog\/wp-content\/uploads\/2022\/01\/bijan.jpg\" alt=\"\" width=\"1200\" height=\"1199\" srcset=\"https:\/\/fdp-aktiv.de\/blog\/wp-content\/uploads\/2022\/01\/bijan.jpg 1200w, https:\/\/fdp-aktiv.de\/blog\/wp-content\/uploads\/2022\/01\/bijan-300x300.jpg 300w, https:\/\/fdp-aktiv.de\/blog\/wp-content\/uploads\/2022\/01\/bijan-1024x1024.jpg 1024w, https:\/\/fdp-aktiv.de\/blog\/wp-content\/uploads\/2022\/01\/bijan-150x150.jpg 150w, https:\/\/fdp-aktiv.de\/blog\/wp-content\/uploads\/2022\/01\/bijan-768x767.jpg 768w, https:\/\/fdp-aktiv.de\/blog\/wp-content\/uploads\/2022\/01\/bijan-400x400.jpg 400w\" sizes=\"auto, (max-width: 1200px) 100vw, 1200px\" \/><\/a><figcaption id=\"caption-attachment-4020\" class=\"wp-caption-text\">Bijan Djir-Sarai<\/figcaption><\/figure>\n<p>Frage: Herr Djir-Sarai, wir wollten den neuen Generalsekret\u00e4r der FDP kennenlernen. Angesichts der Weltlage sollten wir aber zun\u00e4chst mit dem Au\u00dfenpolitikexperten der Liberalen, mit Ihnen, sprechen. Was macht Deutschland, wenn Russland die Grenze der Ukraine \u00fcberschreitet?<\/p>\n<p>Djir-Sarai: Ich hoffe sehr, dass es nicht dazu kommt. Es geht hier nicht nur um die Ukraine, es steht viel mehr auf dem Spiel. Wir m\u00fcssten uns dann grundlegend der Frage stellen, wie die neue Sicherheitsarchitektur in Europa aussehen muss.<\/p>\n<p>Frage: Ist ein Stopp von Nord Stream 2 denkbar oder ein Ausschluss Russlands vom Zahlungssystem Swift?<\/p>\n<p>Djir-Sarai: Alle Optionen m\u00fcssen auf dem Tisch bleiben. Es ist gut, dass der Bundeskanzler das ebenfalls unterstrichen hat.<\/p>\n<p>Frage: Russland sagt, es f\u00fchle sich vom Westen bedroht.<\/p>\n<p>Djir-Sarai: Das sind Ausreden. Hat Russland Angst vor der Ukraine, vor Polen, Estland oder Schweden? Unwahrscheinlich. Was Putin wirklich f\u00fcrchtet, ist die Reaktion der russischen Bev\u00f6lkerung, wenn vor der eigenen Haust\u00fcr demokratische, wirtschaftlich erfolgreiche Staaten entstehen. Dann k\u00f6nnte es n\u00e4mlich dazu kommen, dass sich die Menschen im eigenen Land ein Beispiel an den Nachbarn nehmen, aufstehen und Demokratie und B\u00fcrgerrechte einfordern. Das ist aus Sicht der russischen Regierung die eigentliche Bedrohung f\u00fcr das System.<\/p>\n<p>Frage: Und was hei\u00dft das f\u00fcr Europa?<\/p>\n<p>Djir-Sarai: Wir waren lange naiv. Das gilt im \u00dcbrigen auch f\u00fcr die China-Politik. Im Westen hat lange die Vorstellung dominiert, dass L\u00e4nder, die wirtschaftlich erfolgreich sind und die durch ihren Handel eng mit demokratischen Staaten verflochten sind, automatisch auch zu Demokratien werden. Diese Vorstellung wurde leider von der Realit\u00e4t widerlegt. Es ist h\u00f6chste Zeit, dass wir uns besser mit unseren europ\u00e4ischen Partnern abstimmen und in au\u00dfenpolitischen Fragen mit einer Stimme sprechen.<\/p>\n<p>Frage: Sie sind mit elf Jahren aus dem Iran nach Deutschland gekommen, in ein Land, das sich bis heute damit schwertut, als Einwanderungsgesellschaft bezeichnet zu werden. Wie haben Sie das Ankommen erlebt?<\/p>\n<p>Djir-Sarai: Mein Deutschlandbild war von Beginn an durchgehend positiv. Ich bin 1987 aus Teheran nach Grevenbroich zu meinem Onkel gekommen, in eine Kleinstadt. Ich hatte das Gl\u00fcck, dass ich von Menschen umgeben war, die es gut mit mir meinten. Die Nachbarskinder, die immer fragten: Kommt Bijan mit zum Fu\u00dfballspielen? Oder die Lehrer, die sich nach dem Unterricht mit mir hingesetzt haben, um die Hausaufgaben durchzugehen. Ich kam in die Schule, ohne ein Wort Deutsch zu k\u00f6nnen. Und obwohl ich im Iran gut war in Mathe, verstand ich die Textaufgaben nicht. Das war enorm frustrierend f\u00fcr mich.<\/p>\n<p>Frage: Ihre Eltern hatten Sie damals wegen des Iran-Irak-Kriegs nach Deutschland geschickt. Hatten Sie Angst vor Abschiebung?<\/p>\n<p>Djir-Sarai: Ja, diese Angst war immer da. Ich kann mich noch gut an den Brief vom Innenministerium in NRW erinnern: Der Krieg sei vorbei, ich m\u00fcsse nun das Land verlassen. Meine Schulklasse hat zur\u00fcckgeschrieben, dass ich bleiben solle. Die Antwort des damaligen Ministers habe ich heute noch: Er finde es toll, dass sich die Klasse so f\u00fcr ihren Mitsch\u00fcler einsetze. Erst nach acht Jahren in Deutschland konnte ich dann den Antrag auf Staatsb\u00fcrgerschaft stellen. 1996 war es so weit. Das war ein unglaublich bewegender Tag f\u00fcr mich. Der Besuch beim Amt war jedoch recht formell: Eine Beamtin hat mir mit neutralem Gesichtsausdruck die Unterlagen ausgeh\u00e4ndigt. Das war eine Sache von 15 Minuten. Keine festliche Stimmung, wie man sie in den USA oder auch in Kanada sehen kann.<\/p>\n<p>Frage: Viele von den Prozessen, die Sie pers\u00f6nlich erlebt haben, will die Ampel-Koalition reformieren: schneller zur Staatsb\u00fcrgerschaft, Spurwechsel aus dem Asylrecht f\u00fcr die, die Arbeit haben, keine Abschiebung bei guter Integration. Die Union sagt, das sei ein \u201ePull-Faktor\u201c, ein Anreiz f\u00fcr Migranten, nach Deutschland zu kommen.<\/p>\n<p>Djir-Sarai: Diese Analyse teile ich ausdr\u00fccklich nicht. Es ist der alte Versuch zu sagen, Deutschland sei kein Zuwanderungsland. Das stimmt nicht. Deutschland ist ein Einwanderungsland und wir sollten stolz darauf sein. Die Menschen, die zu uns kommen und unsere Werte teilen, sind eine Bereicherung f\u00fcr die Gesellschaft. Deshalb begr\u00fc\u00dfe ich sehr, dass die Koalition die Migrationspolitik neu ausrichtet und auf der einen Seite daf\u00fcr sorgen m\u00f6chte, dass Menschen unb\u00fcrokratisch zu uns kommen und hier ihr Gl\u00fcck suchen k\u00f6nnen. Auf der anderen Seite ist es ebenso wichtig, dass jene, die ihren Platz in unserer Gesellschaft nicht finden wollen, weil sie beispielsweise unsere Werte nicht teilen oder straff\u00e4llig werden, in ihre Heimatl\u00e4nder zur\u00fcckgef\u00fchrt werden.<\/p>\n<p>Frage: Sie haben eine Aufsteigerbiografie, wie man sie bei der FDP gern erz\u00e4hlt. Nur lahmt das liberale Aufstiegsversprechen insgesamt. Die Zahl derer, die in Deutschland den Sprung in die Mittel- oder gar Oberschicht schaffen, wird kleiner. Woran liegt das?<\/p>\n<p>Djir-Sarai: Was Aufstiegshemmnisse f\u00fcr Menschen mit Migrationshintergrund bedeuten, habe ich auch erfahren m\u00fcssen. Deshalb sind Vorbilder so wichtig f\u00fcr den sozialen Aufstieg. F\u00fcr meine Generation war Cem \u00d6zdemir der Held, als er auf einmal Bundestagsabgeordneter wurde. Das war ein starkes Signal: Wir sind nicht automatisch Verlierer und Au\u00dfenseiter, sondern k\u00f6nnen es in diesem Land bis ganz nach oben schaffen. Dieses Signal m\u00fcssen wir auch weiterhin in die Gesellschaft senden, weshalb Diversit\u00e4t und Repr\u00e4sentation so wichtig sind.<\/p>\n<p>Frage: Bei der Analyse von Ungleichheit und sozialer Mobilit\u00e4t sind sich die Politiker verschiedener Parteien ja weitestgehend einig. Die klassische staatszentrierte Antwort auf diese Frage ist: umverteilen, Steuern erh\u00f6hen, Quoten einf\u00fchren. Aber wie wollen Sie solche Probleme mit liberaler Politik l\u00f6sen?<\/p>\n<p>Djir-Sarai: Eine Gesellschaft, in der sozialer Aufstieg nicht m\u00f6glich ist, ist keine liberale, keine freiheitliche Gesellschaft. Wir als FDP haben immer daf\u00fcr gek\u00e4mpft, dass es keine Rolle spielt, wo jemand herkommt oder wie gebildet oder wohlhabend das Elternhaus ist. Der Fokus muss darauf liegen, was jemand aus seinem Leben machen m\u00f6chte, wo er oder sie hinwill. Der Schl\u00fcssel daf\u00fcr ist Chancengleichheit von Kindesbeinen an.<\/p>\n<p>Frage: Die FDP verspricht Aufstieg durch Bildung \u2013 zementieren wir durch das dreigliedrige Schulsystem nicht die Verh\u00e4ltnisse?<\/p>\n<p>Djir-Sarai: Die Gliederung des Schulsystems ist nicht das Problem. Das System muss aber durchl\u00e4ssig sein. Es muss m\u00f6glich sein, sich nach oben zu arbeiten. Wir w\u00fcrden uns als Gesellschaft etwas kaputt machen, wenn wir die Menschen einmal in eine Schulform einordnen und sie dann dazu dr\u00e4ngen, dort zu bleiben.<\/p>\n<p>Frage: Dennoch gab es in Ihrer Familie offenbar diese Sorge: Als Sie nach Deutschland kamen, meldete Ihr Onkel Sie direkt auf dem Gymnasium an. Obwohl sie kaum Deutsch konnten.<\/p>\n<p>Djir-Sarai: In der Tat hat sich mein Vater sehr gew\u00fcnscht, dass ich hier in Deutschland aufs Gymnasium gehe. Und in Grevenbroich hat der Schuldirektor gesagt: Nein, er geh\u00f6rt auf die Hauptschule, weil er kein Deutsch kann. Aber meine Familie blieb hartn\u00e4ckig. Sie haben zahlreiche beglaubigte \u00dcbersetzungen vorgelegt, um zu beweisen, dass ich im Iran ein sehr begabter Sch\u00fcler war. Aber auch sp\u00e4ter gab es Lehrer, die mir empfohlen haben, kein Abitur zu machen, sondern die Schule nach der mittleren Reife zu verlassen. Ihre Argumentation war, es sei besser, wenn ich vor meiner R\u00fcckkehr nach Iran etwas Technisches erlerne. Gott sei Dank habe ich die Ratschl\u00e4ge ignoriert und trotzdem Abi gemacht.<\/p>\n<p>Frage: Bildung ist das eine. Aber gesellschaftlicher Aufstieg misst sich auch in finanzieller Sicherheit. Im Dezember lag die Inflation bei 5,3 Prozent. Ist das ein Problem?<\/p>\n<p>Djir-Sarai: Die Inflationsentwicklung erf\u00fcllt viele Menschen mit Sorge. Man bek\u00e4mpft sie am effektivsten durch eine solide Finanzpolitik. Hierzulande leiden bereits jetzt viele Menschen unter den gestiegenen Preisen, besonders jene mit kleineren Einkommen. Daher sollten Steuern und Abgaben bei den Energiekosten auf den Pr\u00fcfstand kommen, um die Energiepreise langfristig stabil ausrichten zu k\u00f6nnen. Au\u00dferdem ist es richtig, dass die Regierung jetzt kurzfristige Ma\u00dfnahmen wie zum Beispiel eine Entlastung etwa f\u00fcr Wohngeldempf\u00e4nger zugesagt hat.<\/p>\n<p>Frage: Das ist doch sozialdemokratische Politik.<\/p>\n<p>Djir-Sarai: F\u00fcr uns Liberale ist Solidarit\u00e4t doch kein Fremdwort. Sozialpolitik ist uns wichtig. Wir lassen die Menschen nicht allein. Und nat\u00fcrlich kann liberale Politik auch staatliche Unterst\u00fctzung beinhalten. Nur wird sie da niemals stehen bleiben. Deswegen ist f\u00fcr uns die im Koalitionsvertrag angek\u00fcndigte Verbesserung der Zuverdienstm\u00f6glichkeiten bei Mini- und Midijobs ein besonders wichtiges Anliegen. Uns geht es darum, den Menschen dabei zu helfen, sich aus einer Lage, in der sie staatliche Unterst\u00fctzung in Anspruch nehmen m\u00fcssen, befreien zu k\u00f6nnen. Denn nur so erreichen wir doch langfristig den sozialen Aufstieg in unserem Land.<\/p>\n<\/div>\n","protected":false},"excerpt":{"rendered":"<p>Der designierte FDP-Generalsekret\u00e4r Bijan Djir-Sarai gab \u201eZeit Online\u201c das folgende Interview. Die Fragen stellten Ferdinand Otto und Lisa Caspari: Frage: Herr Djir-Sarai, wir wollten den neuen Generalsekret\u00e4r der FDP kennenlernen. 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