{"id":4248,"date":"2022-02-02T11:43:15","date_gmt":"2022-02-02T10:43:15","guid":{"rendered":"https:\/\/fdp-aktiv.de\/blog\/?p=4248"},"modified":"2022-02-02T11:43:41","modified_gmt":"2022-02-02T10:43:41","slug":"christ-gastkommentar-deutschland-braucht-eine-grosse-erzaehlung","status":"publish","type":"post","link":"https:\/\/fdp-aktiv.de\/blog\/2022\/02\/02\/christ-gastkommentar-deutschland-braucht-eine-grosse-erzaehlung\/","title":{"rendered":"CHRIST-Gastkommentar: Deutschland braucht eine gro\u00dfe Erz\u00e4hlung"},"content":{"rendered":"<div class=\"clearfix text-formatted field field--name-body field--type-text-with-summary field--label-hidden field__item\">\n<p>CHRIST-Gastkommentar: Deutschland braucht eine gro\u00dfe Erz\u00e4hlung. Der FDP-Bundesschatzmeister Harald Christ schrieb f\u00fcr das \u201eHandelsblatt\u201c und f\u00fcr \u201eHandelsblatt Online\u201c (Mittwoch-Ausgabe) den folgenden Gastkommentar:<\/p>\n<figure id=\"attachment_4249\" aria-describedby=\"caption-attachment-4249\" style=\"width: 800px\" class=\"wp-caption aligncenter\"><a href=\"https:\/\/fdp-aktiv.de\/blog\/wp-content\/uploads\/2022\/02\/bundestag-2463236_1280.jpg\"><img loading=\"lazy\" decoding=\"async\" class=\"size-large wp-image-4249\" src=\"https:\/\/fdp-aktiv.de\/blog\/wp-content\/uploads\/2022\/02\/bundestag-2463236_1280-1024x614.jpg\" alt=\"\" width=\"800\" height=\"480\" srcset=\"https:\/\/fdp-aktiv.de\/blog\/wp-content\/uploads\/2022\/02\/bundestag-2463236_1280-1024x614.jpg 1024w, https:\/\/fdp-aktiv.de\/blog\/wp-content\/uploads\/2022\/02\/bundestag-2463236_1280-300x180.jpg 300w, https:\/\/fdp-aktiv.de\/blog\/wp-content\/uploads\/2022\/02\/bundestag-2463236_1280-768x460.jpg 768w, https:\/\/fdp-aktiv.de\/blog\/wp-content\/uploads\/2022\/02\/bundestag-2463236_1280.jpg 1280w\" sizes=\"auto, (max-width: 800px) 100vw, 800px\" \/><\/a><figcaption id=\"caption-attachment-4249\" class=\"wp-caption-text\">Bild von <a href=\"https:\/\/pixabay.com\/de\/users\/felixmittermeier-4397258\/?utm_source=link-attribution&amp;utm_medium=referral&amp;utm_campaign=image&amp;utm_content=2463236\">FelixMittermeier<\/a> auf <a href=\"https:\/\/pixabay.com\/de\/?utm_source=link-attribution&amp;utm_medium=referral&amp;utm_campaign=image&amp;utm_content=2463236\">Pixabay<\/a><\/figcaption><\/figure>\n<p>Es gibt in unserer von hektischem Denken und Tun gepr\u00e4gten Zeit nur selten Momente, die ein Innehalten gebieten &#8211; und den Blick auf die Gegenwart durch das Weitwinkelobjektiv eigener Erfahrungen und Erlebnisse erm\u00f6glichen. Runde Geburtstage k\u00f6nnen ein solcher Anlass sein, \u00fcber das Private hinaus das gro\u00dfe Ganze zu betrachten, Defizite zu benennen und Perspektiven zu beschreiben. An diesem Donnerstag werde ich 50 Jahre alt. Die zweite Halbzeit ist angepfiffen. Wie also steht das Spiel? Wie kann, sollte und wird es weitergehen &#8211; gesellschaftlich, politisch und \u00f6konomisch? Anders gefragt: Quo vadis, Deutschland?<\/p>\n<p>Die Suche nach Antworten ist derzeit umso schwieriger, als die Pandemie seit etwa zwei Jahren wie Mehltau jeden langfristigen Diskurs infiziert. Schon h\u00e4ufig ist &#8211; auch an dieser Stelle &#8211; aus berufener Feder dar\u00fcber geschrieben worden, dass die Coronakatastrophe wie unter einem Brennglas vergr\u00f6\u00dfert Defizite und Defekte offengelegt hat, die zuvor nur virulent waren. Die Klagen \u00fcber mangelnde Digitalisierung, Bedrohung des Welthandels durch fragile Lieferketten und ungen\u00fcgende Fokussierung der Ressourcen im Bildungsbereich sind nat\u00fcrlich berechtigt. Sie m\u00fcssen hier nicht erneut vorgetragen werden.<\/p>\n<p>Wichtiger ist das ebenso notwendige wie schmerzhafte Eingest\u00e4ndnis: Hinter all dem steht eine Entwicklung, die sich bereits seit zwei Jahrzehnten abzeichnet. Deutschland und Europa verlieren in vielen wichtigen Feldern sehenden Auges den Anschluss an globale Trends &#8211; teils aus Bequemlichkeit, teils aber auch wegen des Versagens von Eliten. Dazu drei Beispiele.<\/p>\n<p>Als sich vor fast 22 Jahren drei Konzerne aus Frankreich, Deutschland und Spanien zur Unternehmensgruppe EADS zusammenschlossen, stand hinter dem Schritt vor allem die Einsicht: Nur eine gemeinsame europ\u00e4ische Luft- und Raumfahrtindustrie hat Chancen auf einem globalen Markt, der bis dahin von US-Konzernen dominiert wurde. Die Rechnung ging auf, heute ist Airbus weltweit einer der drei gro\u00dfen Branchenplayer.<\/p>\n<p>Und wo st\u00fcnde die deutsche und europ\u00e4ische Luftfahrtindustrie heute, w\u00e4re es nicht zu dem Zusammenschluss gekommen? Es g\u00e4be sie vermutlich nicht mehr. Das Know-how w\u00e4re in einem gigantischen Braindrain \u00fcber den Atlantik gezogen. Europa st\u00fcnde im Flugzeugbau exakt dort, wohin andere Branchen sich gerade aufmachen: im Abseits. Bestes Beispiel hierf\u00fcr ist der Bereich digitale Infrastruktur.<\/p>\n<p>In meinem Alter erinnern sich noch manche an die einst trendigen Handys von Nokia oder Siemens oder den Aufbau der ersten Mobilfunknetze in den 1990er-Jahren. Von diesem technologischen Vorsprung ist so gut wie nichts geblieben. Anschluss verpasst, Know-how verloren. Ohne Unterst\u00fctzung aus Asien ist die fl\u00e4chendeckende Etablierung des dringend notwendigen 5G-Netzes Illusion. Man muss kein Prophet sein, um zu sagen: Auch der n\u00e4chste Schritt der digitalen Entwicklung wird ohne unser Zutun stattfinden.<\/p>\n<p>Wohl noch fataler ist ein weiterer Trend, der in der Pandemie schlaglichtartig zum Vorschein kam: eine gesellschaftliche Fragmentierung und Spaltung, die es zunehmend schwieriger macht, in wichtigen Fragen einen Konsens zu finden. Nicht zuletzt die Macht der sozialen Medien erm\u00f6glicht es immer kleineren Gruppen, ihre individuellen Interessen als ma\u00dfgeblich zu definieren &#8211; oftmals ohne jede R\u00fccksicht auf Vernunft und Logik.<\/p>\n<p>Wenn etwa Debatten \u00fcber politisch korrekte Sprache jede sachliche Auseinandersetzung mit den berechtigten Anspr\u00fcchen von Minderheiten \u00fcberdecken, ist das ein untr\u00fcgliches Symptom f\u00fcr eine fehlgeleitete Entwicklung. Wenn sich Gerichte allen Ernstes mit der Frage besch\u00e4ftigen m\u00fcssen, ob ungeimpfte AfD-Bundestagsabgeordnete das Recht haben, sich im Plenarsaal des Deutschen Bundestags neben geimpfte Parlamentarier zu setzen, beweist das, wie tief das Gift des Spaltpilzes bereits in den politischen Diskurs eingedrungen ist.<\/p>\n<p>Und wenn in einem bayerischen Dorf in diesem Jahr keine Sternsinger von Haus zu Haus gezogen sind, weil Impfgegner mit Flugbl\u00e4ttern warnten, das \u201eC+M+B\u201c am T\u00fcrsturz sei eine geheime Markierung zur Identifizierung Ungeimpfter, dann ist das mehr als eine lokale Posse. Es ist ein allgemeines Alarmsignal. Bundespr\u00e4sident Frank-Walter Steinmeier hat die Frage nach dem gesellschaftlichen Zusammenhalt zur zentralen Herausforderung erkl\u00e4rt und damit &#8211; unausgesprochen &#8211; der Sorge Ausdruck gegeben, dass eine weitgehend fragmentierte Gesellschaft ihre Resistenz gegen autorit\u00e4re oder esoterische Infektionen verlieren k\u00f6nnte.<\/p>\n<p>Um dem zu begegnen, bedarf es dringend einer gro\u00dfen Erz\u00e4hlung, in der sich eine breite Mehrheit der Menschen in unserem Land wiedererkennt &#8211; so wie in den Jahren des Wiederaufbaus oder, wenn auch nur kurz, in den Wendejahren 1989\/90. Teil dieses Narrativs, damit bin ich beim dritten Punkt, ist die Definition der Rolle, die Deutschland in Europa und dar\u00fcber hinaus spielen kann und will.<\/p>\n<p>Das Fehlen einer schl\u00fcssigen und konsequenten strategischen Position gegen\u00fcber China sowie, derzeit besonders heikel, Russland kann nur so lange camoufliert werden, wie die deutsche Wirtschaft jene Potenz ausgleichend in die Waagschale werfen kann, die der klassischen Au\u00dfenpolitik in den vergangenen Jahren zunehmend abhandengekommen ist. Das st\u00f6\u00dft jedoch auf immer gr\u00f6\u00dfere Widerst\u00e4nde. Wenn beispielsweise China die deutschen Hersteller bei Entwicklung und Produktion von Elektromobilit\u00e4t nicht nur ein-, sondern auch \u00fcberholt, schw\u00e4cht das unsere Position ebenso wie die zunehmend emotionale Diskussion \u00fcber die Lage der Menschenrechte im Reich der Mitte.<\/p>\n<p>Hier wie dort m\u00fcssen wir uns ehrlich machen: Was ist jenseits aller diplomatischen Rhetorik der deutsche Standpunkt? Und wie kann dieser Standpunkt gemeinsam mit den Partnern in Europa und den USA zu einem schl\u00fcssigen Gesamtkonzept weiterentwickelt werden? Bisher beschr\u00e4nkt sich die deutsche Haltung vor allem auf reaktives Verhalten &#8211; mit dem Ergebnis, dass kaum kreative Impulse entstehen. Dabei kann Deutschland ja durchaus eine konstruktive Rolle spielen, wie 2015 das Zustandekommen des Atomabkommens mit Iran gezeigt hat, an dem die deutsche Au\u00dfenpolitik ma\u00dfgeblichen Anteil hatte.<\/p>\n<p>Wem diese &#8211; unvollst\u00e4ndige &#8211; Analyse nun als zu pessimistisch erscheint, dem sage ich: Erst die klare Diagnose erm\u00f6glicht eine erfolgreiche Therapie. In den drei Themenbereichen ist es sp\u00e4t, aber noch nicht zu sp\u00e4t. Gelingt es, f\u00fcr die Herausforderungen schl\u00fcssige Konzepte zu entwickeln, die sich ebenso auf einen breiten gesellschaftlichen Konsens st\u00fctzen wie auf politischen und \u00f6konomischen Handlungswillen, besteht Anlass zum Optimismus. Voraussetzung daf\u00fcr ist aber eine offene und ehrliche Analyse. Um es mit den Worten der Schriftstellerin Ingeborg Bachmann zu formulieren: \u201eDie Wahrheit ist dem Menschen zumutbar.\u201c<\/p>\n<p>Wer, wenn nicht die dreifarbige neue Ampelregierung h\u00e4tte die Kraft, den Menschen auch schmerzhafte Wahrheiten zuzumuten? Dass die Entscheidungstr\u00e4ger in Politik und Wirtschaft dazu den n\u00f6tigen Mut aufbringen, das w\u00fcnsche ich uns allen f\u00fcr die vor uns liegenden Jahre.<\/p>\n<\/div>\n","protected":false},"excerpt":{"rendered":"<p>CHRIST-Gastkommentar: Deutschland braucht eine gro\u00dfe Erz\u00e4hlung. 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