{"id":5375,"date":"2022-05-04T11:02:45","date_gmt":"2022-05-04T09:02:45","guid":{"rendered":"https:\/\/fdp-aktiv.de\/blog\/?p=5375"},"modified":"2022-05-04T11:02:45","modified_gmt":"2022-05-04T09:02:45","slug":"djir-sarai-interview-autokraten-und-diktatoren-stoppt-man-nicht-mit-pazifismus","status":"publish","type":"post","link":"https:\/\/fdp-aktiv.de\/blog\/2022\/05\/04\/djir-sarai-interview-autokraten-und-diktatoren-stoppt-man-nicht-mit-pazifismus\/","title":{"rendered":"DJIR-SARAI-Interview: Autokraten und Diktatoren stoppt man nicht mit Pazifismus"},"content":{"rendered":"<div class=\"clearfix text-formatted field field--name-body field--type-text-with-summary field--label-hidden field__item\">\n<p>FDP-Generalsekret\u00e4r Bijan Djir-Sarai gab \u201eZeit Online\u201c das folgende Interview. Die Fragen stellte Ferdinand Otto:<\/p>\n<figure id=\"attachment_4020\" aria-describedby=\"caption-attachment-4020\" style=\"width: 800px\" class=\"wp-caption aligncenter\"><a href=\"https:\/\/fdp-aktiv.de\/blog\/wp-content\/uploads\/2022\/01\/bijan.jpg\"><img loading=\"lazy\" decoding=\"async\" class=\"size-large wp-image-4020\" src=\"https:\/\/fdp-aktiv.de\/blog\/wp-content\/uploads\/2022\/01\/bijan-1024x1024.jpg\" alt=\"\" width=\"800\" height=\"800\" srcset=\"https:\/\/fdp-aktiv.de\/blog\/wp-content\/uploads\/2022\/01\/bijan-1024x1024.jpg 1024w, https:\/\/fdp-aktiv.de\/blog\/wp-content\/uploads\/2022\/01\/bijan-300x300.jpg 300w, https:\/\/fdp-aktiv.de\/blog\/wp-content\/uploads\/2022\/01\/bijan-150x150.jpg 150w, https:\/\/fdp-aktiv.de\/blog\/wp-content\/uploads\/2022\/01\/bijan-768x767.jpg 768w, https:\/\/fdp-aktiv.de\/blog\/wp-content\/uploads\/2022\/01\/bijan-400x400.jpg 400w, https:\/\/fdp-aktiv.de\/blog\/wp-content\/uploads\/2022\/01\/bijan.jpg 1200w\" sizes=\"auto, (max-width: 800px) 100vw, 800px\" \/><\/a><figcaption id=\"caption-attachment-4020\" class=\"wp-caption-text\">Bijan Djir-Sarai<\/figcaption><\/figure>\n<p>ZEIT ONLINE: Herr Djir-Sarai, woran denken Sie beim Wort Krieg?<\/p>\n<p>Djir-Sarai: Ich denke sofort an meine Kindheit.<\/p>\n<p>ZEIT ONLINE: Sie wurden 1976 in Teheran geboren. 1980 brach der Erste Golfkrieg zwischen dem Iran und dem Irak los. Wie haben Sie als Kind gemerkt, dass Krieg ist?<\/p>\n<p>Djir-Sarai: Der Krieg lag schon lange in der Luft. Der Iran hatte soeben eine Revolution hinter sich, die Gesellschaft war radikalisiert, auf den Stra\u00dfen waren unglaublich viele Uniformierte unterwegs. Meine allererste Kriegserinnerung ist einer der ersten Luftangriffe auf Teheran. Das muss 1980 oder 1981 gewesen sein.<\/p>\n<p>ZEIT ONLINE: Wie haben Sie den erlebt?<\/p>\n<p>Djir-Sarai: Ich war bei meiner Oma zu Besuch. Die Bomben fielen in der Nacht. Es war ein unglaublicher L\u00e4rm, alles hat gedr\u00f6hnt.<\/p>\n<p>ZEIT ONLINE: Hatten Sie Angst?<\/p>\n<p>Djir-Sarai: Ich konnte als kleines Kind aus der Situation keine direkte Bedrohung f\u00fcr mich ableiten. Das kam erst sp\u00e4ter. Ich habe nur gesehen, wie \u00e4ngstlich meine Gro\u00dfeltern pl\u00f6tzlich waren. Als ich neun oder zehn war, gab es dann eine Phase, in der Teheran wieder sehr stark bombardiert wurde. Das hat mich verst\u00f6rt.<\/p>\n<p>ZEIT ONLINE: Was macht diese Erfahrung mit einem Kind?<\/p>\n<p>Djir-Sarai: Man verdr\u00e4ngt den Krieg, obwohl man im Krieg lebt. Man steht morgens auf, putzt sich die Z\u00e4hne, geht zur Schule, kommt nach Hause. Ein ganz normales Leben. Zumindest dann, wenn man nicht direkt an der Front lebt. Mit der Zeit stumpft man immer weiter ab. Wir Kinder sa\u00dfen in der Schule und der Unterricht ging einfach weiter, w\u00e4hrend drau\u00dfen in der Stadt die Bomben dr\u00f6hnten. Einmal war ich mit meinen Eltern Eis essen, als der Luftalarm losging. Wir sind einfach weitergelaufen. Auf den Stra\u00dfen ging bei Luftangriffen auch der Verkehr wie gewohnt weiter. Bei klarem Himmel konnte man sogar die Bomber sehen.<\/p>\n<p>ZEIT ONLINE: Und nachts?<\/p>\n<p>Djir-Sarai: Nachts wirken Bomben viel bedrohlicher, obwohl sie ja genauso t\u00f6dlich sind wie am Tag. Eine Zeit lang durften wir Kinder nicht in unsere Betten, sondern haben an den tragenden S\u00e4ulen des Hauses geschlafen. Damals hie\u00df es, das sei sicherer. Sp\u00e4ter sind wir nachts auch oft in den Keller umgezogen. Da wartet man dann, macht Witze, vertreibt sich die Zeit. Ich war ja noch zu jung, um Motorrad zu fahren, trotzdem hatte mir mein Vater bereits einen Helm gekauft. Mit dem musste ich dann da unten sitzen \u2013 um gesch\u00fctzt zu sein, falls mir Ger\u00f6ll auf den Kopf gefallen w\u00e4re.<\/p>\n<p>ZEIT ONLINE: Haben Sie verstanden, wer da k\u00e4mpft und warum?<\/p>\n<p>Djir-Sarai: Ja, ich wusste fr\u00fch, um was es geht. Das war st\u00e4ndig Thema in der Schule. Wir Kinder bekamen oft Briefe von Soldaten, die uns eingeladen haben, mit an die Front zu kommen.<\/p>\n<p>ZEIT ONLINE: Die Kinder sollten beim Krieg zugucken?<\/p>\n<p>Djir-Sarai: Nein, wir sollten mitk\u00e4mpfen. Unser Schulleiter war ein Hardliner, ein Revolutionsw\u00e4chter. Der kam mit Uniform und Waffe in den Unterricht und wollte uns \u00fcberreden, zu M\u00e4rtyrern zu werden. Viele Kinder sind damals freiwillig in den Krieg gezogen, andere wurden vor der Schule oder dem Kino geschnappt und an die Front geschickt. Das war dann auch einer der Gr\u00fcnde, warum ich 1987 zu meinem Onkel nach Deutschland geschickt wurde. Da war ich gerade elf Jahre alt. Meine Eltern wussten, dass es f\u00fcr mich im Iran gef\u00e4hrlich wird. Mein damaliges Alter war das bevorzugte Alter f\u00fcr Kindersoldaten.<\/p>\n<p>ZEIT ONLINE: Haben Sie sich damals Gedanken \u00fcbers Sterben gemacht?<\/p>\n<p>Djir-Sarai: Ja, das habe ich. Auch als Kind schon. Morgens auf dem Weg zur Schule habe ich mir damals oft die Frage gestellt, ob ich den Abend noch erleben werde. Ob ich meine Eltern wiedersehen werde. Ich hatte aber nat\u00fcrlich auch Pl\u00e4ne und Tr\u00e4ume f\u00fcr mein Leben, wie alle jungen Leute.<\/p>\n<p>ZEIT ONLINE: Was waren Ihre Pl\u00e4ne und Tr\u00e4ume?<\/p>\n<p>Djir-Sarai: Ein Leben in Frieden. Das mag jetzt phrasenhaft klingen. F\u00fcr mich bedeutete es damals die Welt.<\/p>\n<p>ZEIT ONLINE: Sind Sie Pazifist?<\/p>\n<p>Djir-Sarai: Nein.<\/p>\n<p>ZEIT ONLINE: Warum nicht?<\/p>\n<p>Djir-Sarai: Ich bin Realist. Autokraten und Diktatoren stoppt man nicht mit Pazifismus. Daf\u00fcr braucht es eine glaubw\u00fcrdige Abschreckung. Und das sage ich, obwohl ich selbst erlebt habe, was f\u00fcr ein immens hoher Preis mit Krieg verbunden ist. Ein Krieg verursacht wirtschaftliche Sch\u00e4den. Die lassen sich aber reparieren. Was der Krieg aber an seelischen Narben bei denjenigen hinterl\u00e4sst, die ihn erleben, das kann man nicht reparieren. Das wird einen nie loslassen. Das begleitet einen, ein Leben lang.<\/p>\n<p>ZEIT ONLINE: Wie hat der Krieg Sie pers\u00f6nlich verfolgt?<\/p>\n<p>Djir-Sarai: Auf einer Silvesterparty, etwa zur Abizeit, sagte ein Freund zu mir, ich solle doch nicht so viel trinken, wenn es mir doch offensichtlich nicht bekommt. Nur war mir nicht \u00fcbel vom Alkohol, sondern vom Ger\u00e4usch der B\u00f6ller und der Raketen. Durch diese Ger\u00e4usche kamen meine Erinnerungen an den Krieg mit voller Wucht zur\u00fcck. Noch schlimmer war mein erster Jahreswechsel hier in Deutschland. Damals war ich ja noch ein kleiner Junge. Niemand hatte mich auf diesen L\u00e4rm vorbereitet. Bis heute kann ich daran nichts Sch\u00f6nes finden.<\/p>\n<p>ZEIT ONLINE: Wie stehen Sie zu der Forderung nach Waffenlieferungen an die Ukraine? Ein Argument dagegen ist ja, sie w\u00fcrden den Krieg verl\u00e4ngern. Und da d\u00fcrfte etwas dran sein. Ohne westliche Unterst\u00fctzung h\u00e4tte die Ukraine vielleicht schon kapituliert und es w\u00e4re Frieden.<\/p>\n<p>Djir-Sarai: Wenn Putin diesen Krieg schnell gewonnen h\u00e4tte, w\u00e4re kein Land in Europa mehr sicher. Der Preis, den wir dann zu zahlen h\u00e4tten, w\u00e4re unermesslich. Putin w\u00fcrde weitermachen, davon bin ich \u00fcberzeugt. Noch mehr Menschen w\u00fcrden sterben. Das ist einer der Gr\u00fcnde, warum die Ukraine diesen Krieg nicht verlieren darf und wir sie bei der Verteidigung entschlossen unterst\u00fctzen m\u00fcssen.<\/p>\n<p>ZEIT ONLINE: Sollte die Ukraine also schwere Waffen bekommen, auch auf die Gefahr hin, dass dann l\u00e4nger gek\u00e4mpft wird? Der Krieg zwischen Iran und Irak hat acht Jahre gedauert\u2026<\/p>\n<p>Djir-Sarai: Ich halte es f\u00fcr absolut notwendig, der Ukraine schwere Waffen zu liefern. Der Kampf der Ukrainer gegen den Angriffskrieg Russlands ist legitim. Das war beim Ersten Golfkrieg anders. Da haben zwei unfreie Regime brutal gegeneinander und um die Vorherrschaft in der Region gek\u00e4mpft.<\/p>\n<p>ZEIT ONLINE: In Deutschland stirbt gerade die Generation aus, die sich noch aktiv an solche Kriegsgr\u00e4uel erinnern kann. Geht damit auch gesamtgesellschaftlich ein St\u00fcck Bewusstsein f\u00fcr die Schrecken des Krieges verloren?<\/p>\n<p>Djir-Sarai: Das Gef\u00fchl habe ich, ja. Viele sind nach dem Zweiten Weltkrieg mit der Motivation in die Politik gegangen, dass sich so etwas nie wiederholen darf. Heute haben die meisten aus Mangel an pers\u00f6nlichen Erlebnissen keine Vorstellung davon, was Krieg wirklich bedeutet. Verstehen Sie mich nicht falsch \u2013 ich finde, das ist ein gro\u00dfes Gl\u00fcck. Aber deshalb muss man umso mehr aufpassen, dass man nicht leichtfertig eine gef\u00e4hrliche Kriegsrhetorik annimmt.<\/p>\n<p>ZEIT ONLINE: F\u00fchren wir die Debatten \u00fcber den Krieg in der Ukraine wirklich zu leichtfertig?<\/p>\n<p>Djir-Sarai: An der einen oder anderen Stelle habe ich diesen Eindruck. Es ist essenziell, wieder mehr in die Bundeswehr zu investieren, die Truppe auszur\u00fcsten und nat\u00fcrlich die Ukraine zu unterst\u00fctzen. Trotzdem ist ein Kanzler, der in solch einer ernsten Situation mit Bedacht agiert und jeden Schritt abw\u00e4gt, sehr wichtig. Deutschland darf auf keinen Fall Kriegspartei werden.<\/p>\n<p>ZEIT ONLINE: Was folgt aus diesem Krieg, welche Lehren m\u00fcssen wir ziehen?<\/p>\n<p>Djir-Sarai: Wir m\u00fcssen die richtigen Konsequenzen f\u00fcr unsere zuk\u00fcnftige Sicherheitsarchitektur ziehen: Dazu geh\u00f6rt eine moderne und schlagkr\u00e4ftige Bundeswehr, die ihren Landes- und B\u00fcndnisverpflichtungen nachkommen kann. Au\u00dferdem m\u00fcssen wir als Gesellschaft endlich verstehen, wie wenig selbstverst\u00e4ndlich die Dinge sind, die wir f\u00fcr selbstverst\u00e4ndlich gehalten haben: Frieden, Freiheit, Demokratie. Mir ist aufgefallen, dass ich eine tiefe Erfahrung teile mit Menschen, die die DDR aktiv miterlebt haben \u2013 und das, obwohl ich selbst nie dort gelebt habe. Wenn Wolf Biermann singt \u201eLass dich nicht brechen\u201c, verstehe ich genau, was er meint. Vielen im Westen ist die Wertsch\u00e4tzung f\u00fcr Frieden und Freiheit zuletzt ein St\u00fcck verloren gegangen. Wir m\u00fcssen uns wieder bewusst machen, wie privilegiert wir sind, dass wir in Deutschland in Frieden und Freiheit leben.<\/p>\n<\/div>\n","protected":false},"excerpt":{"rendered":"<p>FDP-Generalsekret\u00e4r Bijan Djir-Sarai gab \u201eZeit Online\u201c das folgende Interview. Die Fragen stellte Ferdinand Otto: ZEIT ONLINE: Herr Djir-Sarai, woran denken Sie beim Wort Krieg? 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