{"id":5632,"date":"2022-05-28T08:51:34","date_gmt":"2022-05-28T06:51:34","guid":{"rendered":"https:\/\/fdp-aktiv.de\/blog\/?p=5632"},"modified":"2022-05-28T08:51:36","modified_gmt":"2022-05-28T06:51:36","slug":"lindner-interview-jeden-tag-ohne-fdp-in-der-regierung-wuerde-lautstark-ueber-neue-steuern-diskutiert-werden","status":"publish","type":"post","link":"https:\/\/fdp-aktiv.de\/blog\/2022\/05\/28\/lindner-interview-jeden-tag-ohne-fdp-in-der-regierung-wuerde-lautstark-ueber-neue-steuern-diskutiert-werden\/","title":{"rendered":"LINDNER-Interview: Jeden Tag ohne FDP in der Regierung w\u00fcrde lautstark \u00fcber neue Steuern diskutiert werden"},"content":{"rendered":"<div class=\"clearfix text-formatted field field--name-body field--type-text-with-summary field--label-hidden field__item\">\n<p>Der FDP-Bundesvorsitzende und Bundesminister der Finanzen Christian Lindner gab dem \u201eFOCUS Magazin\u201c (Samstag-Ausgabe) das folgende Interview. Die Fragen stellten\u00a0Franziska Reich und Thomas Tuma:<\/p>\n<figure id=\"attachment_1558\" aria-describedby=\"caption-attachment-1558\" style=\"width: 652px\" class=\"wp-caption aligncenter\"><a href=\"https:\/\/fdp-aktiv.de\/blog\/wp-content\/uploads\/2021\/06\/11-lindner-christian.jpg\"><img loading=\"lazy\" decoding=\"async\" class=\"size-full wp-image-1558\" src=\"https:\/\/fdp-aktiv.de\/blog\/wp-content\/uploads\/2021\/06\/11-lindner-christian.jpg\" alt=\"Christian Lindner, FDP\" width=\"652\" height=\"368\" srcset=\"https:\/\/fdp-aktiv.de\/blog\/wp-content\/uploads\/2021\/06\/11-lindner-christian.jpg 652w, https:\/\/fdp-aktiv.de\/blog\/wp-content\/uploads\/2021\/06\/11-lindner-christian-300x169.jpg 300w\" sizes=\"auto, (max-width: 652px) 100vw, 652px\" \/><\/a><figcaption id=\"caption-attachment-1558\" class=\"wp-caption-text\">Christian Lindner, FDP<\/figcaption><\/figure>\n<p>Frage: Herr Lindner, was macht Ihnen am meisten Angst: A) Die Verschwendungssucht im Kabinett? B) Die Aufm\u00fcpfigkeit Ihrer Partei? C) Die Inflation?<\/p>\n<p>Lindner: Ich habe keine Angst, aber meine gr\u00f6\u00dfte Aufmerksamkeit gilt derzeit der Inflation.<\/p>\n<p>Frage: Deutschland erlebt die rasanteste Geldentwertung seit 40 Jahren. 7,4 Prozent. Ist die Lage dramatisch?<\/p>\n<p>Lindner: Wir m\u00fcssen alles unternehmen, um eine Stagflation zu verhindern \u2026<\/p>\n<p>Frage: \u2026 also steigende Preise bei ausbleibendem Wachstum.<\/p>\n<p>Lindner: Wenn sich das verfestigt, w\u00fcrde eine im Alltag sp\u00fcrbare Wirtschaftskrise drohen. Betroffen w\u00e4re von der Rentnerin bis zum Handwerksmeister die Breite der Gesellschaft. Deshalb m\u00fcssen wir mit scharfer Konsequenz reagieren.<\/p>\n<p>Frage: Und wie?<\/p>\n<p>Lindner: Wir m\u00fcssen erstens den Druck von den Preisen nehmen. Immer neue Subventionen vom Staat treiben die Entwicklung. Zweitens m\u00fcssen wir die betroffenen Menschen gezielt entlasten. Drittens m\u00fcssen wir den Staat aus der Schuldenwirtschaft befreien. Au\u00dferdem bin ich mir sicher, dass die sehr unabh\u00e4ngige Europ\u00e4ische Zentralbank ihrer sehr gro\u00dfen Verantwortung gerecht wird \u2026<\/p>\n<p>Frage: \u2026 also endlich die Leitzinsen anhebt?<\/p>\n<p>Lindner: Die Inflation wurde nicht zuerst von der Geldpolitik befeuert. Aber der Wert des Euro ver\u00e4ndert sich gegen\u00fcber dem Dollar. Die USA haben ihre Leitzinsen angehoben. Das hat Auswirkungen. Als Finanzminister achte ich die Unabh\u00e4ngigkeit der EZB, aber Staaten wie Notenbanken kann man nur machtvolles Auftreten statt Z\u00f6gerlichkeit empfehlen.<\/p>\n<p>Frage: K\u00f6nnen Sie denn sicher sein, dass hoch verschuldete Eurol\u00e4nder von h\u00f6heren Leitzinsen nicht existenziell bedroht w\u00e4ren?<\/p>\n<p>Lindner: Kurzfristig ist diese Gefahr kalkulierbar. Damit es kein langfristiges Risiko gibt, m\u00fcssen wir \u00fcberall die \u00c4ra expansiver Finanzpolitik und schuldenbasierter Hilfsprogramme beenden. Der Staat kann nicht dauerhaft Wohlstand auf Pump subventionieren. Wir m\u00fcssen wieder lernen, mit dem Geld zu arbeiten, das die Menschen uns zur Verf\u00fcgung stellen. <a href=\"https:\/\/fdp-aktiv.de\/blog\/2021\/01\/29\/fdp-forderung-wirtschaftspolitik\/\" data-internallinksmanager029f6b8e52c=\"10\" title=\"FDP Forderung Wirtschaftspolitik\" target=\"_blank\" rel=\"noopener\">Wirtschaftspolitik<\/a> darf sich nicht in Rei\u00dfbrettplanungen der Transformation ersch\u00f6pfen, die mit Staatsgeld herbeigef\u00f6rdert werden soll.<\/p>\n<p>Frage: Mal ehrlich: Inflation ist doch gut f\u00fcr Sie als Finanzminister! Auch die Schulden werden entwertet.<\/p>\n<p>Lindner: Ein popul\u00e4rer Irrtum. Der Staat kann nur einen Einmaleffekt am Anfang einer Inflation verzeichnen. Danach zahlt er wie alle anderen die gestiegenen Zinsen und Preise \u2013 f\u00fcr Personal, Leistungen, G\u00fcter.<\/p>\n<p>Frage: Viele Fachleute prophezeien mittlerweile, dass diese Krise lange andauern wird.<\/p>\n<p>Lindner: Bei unserem G7-Treffen in Bonn haben uns die Experten vor allem einen Rat gegeben: Je beherzter wir jetzt vorgehen, desto gr\u00f6\u00dfer ist die Hoffnung, dass wir nicht in eine Phase lang anhaltender Geldentwertung schlittern.<\/p>\n<p>Frage: Die Deutschen beunruhigt gerade die Inflation mehr als der Krieg in der Ukraine \u2013 zu Recht?<\/p>\n<p>Lindner: Beides h\u00e4ngt zusammen: Die gegenw\u00e4rtige wirtschaftliche Zuspitzung hat ihren Ursprung im Einmarsch Russlands in die Ukraine.<\/p>\n<p>Frage: Wobei die Inflation im Euroraum schon vorher hoch war.<\/p>\n<p>Lindner: Das stimmt. Allerdings war nach Corona eine Erholung zu erwarten \u2013 bis zum Ukraine-Krieg. Die Preise auf den Energie- und Lebensmittelm\u00e4rkten werden bis auf Weiteres hoch bleiben.<\/p>\n<p>Frage: Die Senkung der Mehrwertsteuer w\u00fcrde die Menschen etwas vom Druck befreien?<\/p>\n<p>Lindner: Nein. Man kann gegen steigende Weltmarktpreise nicht auf Dauer ansubventionieren. Wir haben zwar die k\u00fcnstliche Verteuerung von Kraftstoffen durch die Energiesteuer f\u00fcr drei Monate ausgesetzt. Das ist aber nur eine befristete Senkung einer Mengensteuer, die einen fixen Satz pro Liter hat. Der richtige Weg ist, direkt bei der Besteuerung von Einkommen zu entlasten. Im Blick haben m\u00fcssen wir zudem Menschen, die auf Transferzahlungen angewiesen sind, denn sie haben am wenigsten Spielraum.<\/p>\n<p>Frage: Also Hartz IV erh\u00f6hen?<\/p>\n<p>Lindner: Der Regelsatz orientiert sich an einem Warenkorb. Werden die Waren teurer, \u00e4ndert sich der Regelsatz. Vor allem m\u00fcssen wir das Steuersystem als Instrument begreifen, um Inflation zu d\u00e4mpfen.<\/p>\n<p>Frage: Inwiefern?<\/p>\n<p>Lindner: Wenn der BurdaVerlag seinen Focus-Redakteuren ein h\u00f6heres Gehalt zahlt, das aber nicht mal den inflationsbedingten Verlust von Kaufkraft ausgleicht, dann darf der Staat da nicht zugreifen.<\/p>\n<p>Frage: Diese sogenannte kalte Progression wollen Sie verhindern?<\/p>\n<p>Lindner: Ich habe immer gesagt: Die kalte Progression ist eine Steuererh\u00f6hung durch Unterlassung. Deshalb haben wir r\u00fcckwirkend zum 1. Januar die Einkommensteuer gesenkt. Der Grundfreibetrag wird erh\u00f6ht ebenso wie der Arbeitnehmer-Pauschbetrag.<\/p>\n<p>Frage: Gerade haben Sie Ihren ersten Haushalt vorgelegt: 140 Milliarden Euro neue Schulden. Plus 100 Milliarden Sonderverm\u00f6gen f\u00fcr die Bundeswehr. Wie f\u00fchlt es sich an, einen solchen Berg zu verantworten?<\/p>\n<p>Lindner:\u00a0Ich habe mir nicht abgew\u00f6hnt, ein mulmiges Gef\u00fchl zu haben bei jeder Milliarde neuer Ausgaben. Ebenso wie bei jeder Milliarde neuer Schulden. Trotzdem kann ich die Menschen beruhigen: Unsere Finanzen sind solide und unter Kontrolle. Wir machen nur Schulden, wo es anders nicht geht \u2013 zum Beispiel um die jahrelange Vernachl\u00e4ssigung der Bundeswehr schnell zu beheben. Mein Ziel ist, dass wir den Ausnahmezustand im n\u00e4chsten Jahr hinter uns lassen.<\/p>\n<p>Frage: Wenn Sie 2023 die Schuldenbremse wieder einhalten wollen, darf Ihre Neuverschuldung bei nicht mal acht Milliarden Euro liegen \u2013 Wunsch oder Versprechen?<\/p>\n<p>Lindner: Realistisches Szenario. Das werden Sie noch vor der Sommerpause erleben.<\/p>\n<p>Frage: Klingt wie eine Drohung. Wie wollen Sie das Geld derart radikal umschichten?<\/p>\n<p>Lindner: Wir m\u00fcssen die Vorhaben der Ampelkoalition priorisieren. Nicht alles l\u00e4sst sich sofort umsetzen. Wir befinden uns bereits jetzt in der Konsolidierungsphase. Die \u00f6konomische Zeitenwende bereite ich vor.<\/p>\n<p>Frage: Hei\u00dft?<\/p>\n<p>Lindner: Wenn wir den Haushalt 2023 besprechen, dann kommt die wirkliche Formung dieser Koalition. Ein Koalitionsvertrag ist ja unkonkret, und die ersten Monate waren gepr\u00e4gt von Krisen. Bei W\u00fcnschen nach Mehrausgaben muss ich nun antworten: Verschaff mir Deckung! Die Schuldenbremse gilt.<\/p>\n<p>Frage: Sie streichen also schon gedanklich Projekte der Ampel?<\/p>\n<p>Lindner: Leider ist bisher nicht bei allen Kolleginnen und Kollegen im Kabinett ausreichend verinnerlicht, dass wir nicht weiterwirtschaften k\u00f6nnen wie bisher. Das wird ein Erweckungsmoment f\u00fcr uns alle sein, den \u2026<\/p>\n<p>Frage: \u2026 Sie gern verschaffen?<\/p>\n<p>Lindner: \u2026 wir uns gemeinsam erarbeiten. Ich bin an die Verfassung gebunden. Wir haben uns auf einen Koalitionsvertrag verst\u00e4ndigt, aber es gilt zuerst das Grundgesetz. Wir m\u00fcssen in dieser Situation ohnehin im Haushalt auf all das verzichten, was die Inflation eher verst\u00e4rkt.<\/p>\n<p>Frage: Zum Beispiel?<\/p>\n<p>Lindner: In Zeiten steigender Baustoffpreise und knapper Fachkr\u00e4fte w\u00fcrden etwa Subventionen f\u00fcr Neubau-Immobilien die Preise nur befeuern. \u00c4hnliches gilt bei Kaufpr\u00e4mien f\u00fcr Elektrofahrzeuge und vielem anderen. Was den Haushalt zus\u00e4tzlich entspannen wird: Sp\u00e4testens n\u00e4chstes Jahr sollen und m\u00fcssen gro\u00dfe Summen an bisherigen Mehrausgaben rund um Corona wegfallen. Auf kostenfreie B\u00fcrgertests sollten wir schon dieses Jahr verzichten.<\/p>\n<p>Frage: Sie versprechen also weiterhin, dass es mit Ihnen weder Steuererh\u00f6hungen noch eine Aufhebung der Schuldenbremse geben wird?<\/p>\n<p>Lindner: Beides gilt, ja. Und ich nenne noch einen dritten Punkt: Es wird mit mir keine Vergemeinschaftung von Schulden auf europ\u00e4ischer Ebene geben.<\/p>\n<p>Frage: Wenn Sie bei Deutschland Fieber messen k\u00f6nnten: Welche Temperatur w\u00fcrden Sie erwarten?<\/p>\n<p>Lindner: Eine gro\u00dfe Mehrheit der Menschen ist verantwortungsbewusst und geht gefasst, ja geradezu duldsam mit den Herausforderungen um. Zugleich w\u00e4chst aber der Druck, der sich aufgrund einer allgemeinen Unzufriedenheit neuerdings auch aus der Mitte der Gesellschaft artikuliert.<\/p>\n<p>Frage: Flogen auch bei Ihnen schon Eier?<\/p>\n<p>Lindner: Das nicht. Aber Pfeifkonzerte wie zuletzt im Wahlkampf habe ich nie zuvor erlebt. Offenbar haben ja viele \u201eQuerdenker\u201c recht schnell umgeschult von Impfgegner zu Putin-Freund.<\/p>\n<p>Frage: Liegt das vielleicht auch daran, dass die Menschen diese Gesellschaft zunehmend ungerecht finden?<\/p>\n<p>Lindner: Wir haben sicher ein Gerechtigkeitsproblem, das ich vor allem bei erschwerten Aufstiegschancen sehe. Aber das ist gar nicht der Ausl\u00f6ser, an dem sich seit geraumer Zeit so viel entz\u00fcndet. Teile der Mittelschicht werden ja nicht deshalb so laut, weil sie pl\u00f6tzlich bed\u00fcrftig geworden sind. Eher sehen sie ihre traditionelle Lebensweise infrage gestellt durch Vorw\u00fcrfe und vermeintliche Alternativen eines bestimmten st\u00e4dtischen Milieus. Da f\u00fchlen sich manche in einem Rechtfertigungszwang, der weder n\u00f6tig noch hilfreich ist.<\/p>\n<p>Frage: An welche Vorw\u00fcrfe denken Sie da konkret?<\/p>\n<p>Lindner: Wir sehen doch eine immer gr\u00f6\u00dfere Diskrepanz zwischen den Menschen, die in der Stadt und denjenigen, die auf dem Land leben. Da fehlt oft das Verst\u00e4ndnis und auch eine gewisse Toleranz f\u00fcr die Bed\u00fcrfnisse der anderen.<\/p>\n<p>Frage: Ginge es gerechter zu, wenn Sie etwa die hohen Gewinne aktueller Krisenprofiteure, wie der Mineral\u00f6lkonzerne, st\u00e4rker absch\u00f6pfen?<\/p>\n<p>Lindner: Gegenfrage: Sind Sie der Meinung, dass die Produzenten von Corona-Impfstoffen, knappen Halbleitern, Solar- oder Windenergie h\u00f6her besteuert werden sollten? Auch Letztere fahren zurzeit sehr hohe Gewinne ein. Da verstummen im Lager der Linken oder Gr\u00fcnen dann doch schnell alle Forderungen.<\/p>\n<p>Frage: Gef\u00fchlt nehmen aber gerade die Mineral\u00f6lkonzerne alles mit, was sie kriegen k\u00f6nnen.<\/p>\n<p>Lindner: Nach Gef\u00fchl sollte man nicht Steuerpolitik machen. Wenn es ungerechtfertigte Gewinne aufgrund von Machtmissbrauch am Markt gibt, dann wird sich mein Kollege Robert Habeck darum k\u00fcmmern. Er ist f\u00fcr das Bundeskartellamt und die Markttransparenzstelle zust\u00e4ndig. Niemand wird Herrn Habeck vorwerfen, dass er die Mineral\u00f6lkonzerne schonen will. Er hat mich da an seiner Seite.<\/p>\n<p>Frage: Er scheint gerade sehr viele an seiner Seite zu haben. Der Gr\u00fcne wird f\u00fcr seine ideologischen Kehrtwenden als authentisch gelobt. Wenn Sie dagegen neue Milliardenschulden aufnehmen, gelten Sie als Umfaller. Ist Politik unfair?<\/p>\n<p>Lindner: Ich kann nicht erkennen, dass Herr Habeck sich vom Ziel eines klimaneutralen Deutschlands verabschiedet h\u00e4tte. Im Gegenteil, mit seinem Osterpaket hat er die Agenda seiner Partei sogar forciert, was nun aber im Bundestag noch genau auf die wirtschaftlichen Belastungen und das physikalisch Machbare diskutiert wird. Ich habe meine Grunds\u00e4tze ebenfalls nicht ver\u00e4ndert.<\/p>\n<p>Frage: Sind Sie manchmal neidisch auf Habecks aktuelle Sympathiewerte?<\/p>\n<p>Lindner: Neid ist mir fremd. Und: Ich vergleiche mich oder die FDP nicht mit anderen. Die FDP sollte sich ausschlie\u00dflich an sich selbst messen. Wir sind keine Volkspartei, sondern Anwalt f\u00fcr Menschen, die einen ganz speziellen Blick auf das Leben haben. Die Individualit\u00e4t, Leistungsfreude, Eigenverantwortung und Toleranz gegen\u00fcber anderen im Blick haben. Deshalb vergleiche ich die heutigen FDP-Ergebnisse mit denen vor vier, acht oder zw\u00f6lf Jahren. Mein Ziel ist nicht die Kanzlerkandidatur wie vielleicht bei Frau Baerbock und Herrn Habeck. Ich will, dass die FDP zweistellig wiedergew\u00e4hlt wird. Das w\u00e4re ein Erfolg.<\/p>\n<p>Frage: \u2026 nach den letzten Landtagswahlergebnissen zu urteilen, aber auch noch ein langer Weg \u2026<\/p>\n<p>Lindner: Ich denke gelegentlich an 2017, als wir im Bund die Jamaikakoalition abgelehnt haben. Viele haben damals gesagt: Das ist ein schwerer Fehler, ihr m\u00fcsst Kompromisse machen. Damals habe ich schon prophezeit, dass dieselben Leute dereinst kritisieren, wenn wir Kompromisse in einer Koalition machen. Deshalb habe ich da starke Nerven. Erfolg entscheidet sich nicht auf der Kurzstrecke. Es geht immer um die Langstrecke.<\/p>\n<p>Frage: Sie sind der Einzige im Kabinett, der zugleich Parteichef ist. Vorteil oder Problem?<\/p>\n<p>Lindner: Ich sehe es als Vorteil. Die Ampel war ja eigentlich die unwahrscheinlichste Koalitionsoption. Unsere Vorstellungen waren alles andere als deckungsgleich. Und sie kam ausschlie\u00dflich deshalb zustande, weil die CDU unf\u00e4hig und die CSU unwillig war, einen neuen Jamaikaversuch zu starten. Deshalb ist es sogar besonders wichtig, dass ich als Parteivorsitzender und Finanzminister genau gucken kann, dass wir die politischen Vorhaben umsetzen, die wir unseren W\u00e4hlern zugesagt haben, und zugleich dort Grenzen zu setzen, wo wir liberale Grund\u00fcberzeugungen verletzt sehen.<\/p>\n<p>Frage: Sie sehen sich nicht als Wendehals, sondern als Last Man Standing?<\/p>\n<p>Lindner: Ich mache einfach meinen Job. Dabei sehe ich, dass SPD und Gr\u00fcne im Gegensatz zu uns nahezu alles staatlich regeln wollen. Sie wollen massive Umverteilung organisieren, gern mit Verboten operieren und am liebsten auf alles h\u00f6here Steuern setzen. Das sehen wir anders.<\/p>\n<p>Frage: Wenn Sie Ihren Kurs die ganze Legislaturperiode \u00fcber beibehalten wollen, wird das ein Knochenjob.<\/p>\n<p>Lindner: Das schreckt mich nicht: Ich habe auch schon vier Jahre au\u00dferparlamentarische Opposition ausgehalten.<\/p>\n<p>Frage: Sie sind also Schmerzen gew\u00f6hnt?<\/p>\n<p>Lindner: Was hei\u00dft Schmerzen? Mir macht meine Aufgabe jeden Tag gro\u00dfe Freude. Fakt ist aber: Jeden Tag ohne FDP in der Regierung w\u00fcrde dort lautstark \u00fcber eine Aufweichung der Schuldenbremse und neue Steuern diskutiert werden. Man muss doch nur in die Zeitung schauen: Jeden Tag wird die Verhinderung von Steuererh\u00f6hungen und Staatsverschuldung von SPD und Gr\u00fcnen infrage gestellt. Ich bin auch sicher, wir s\u00e4\u00dfen hier noch mit Masken, wenn es nur nach den Gr\u00fcnen und Herrn Lauterbach gegangen w\u00e4re.<\/p>\n<p>Frage: Klingt alles l\u00e4ngst nicht mehr so harmonisch wie zu Beginn der Ampel.<\/p>\n<p>Lindner: Es ist immer noch eine vertrauensvolle und vertrauliche Zusammenarbeit. Aber glauben Sie wirklich, dass die Koalitionsverhandlungen harmonisch verlaufen sind? Nur weil die Hauptstadtmedien nicht viel davon erfahren haben?!<\/p>\n<p>Frage: Sehnen Sie sich manchmal nach Friedrich Merz?<\/p>\n<p>Lindner: Nein. CDU\/CSU bringen es fertig, vormittags Subventionen im dreistelligen Milliardenbereich zu fordern und am Nachmittag zu klagen, dass die Schulden zu hoch seien. Diese Union handelt gegenw\u00e4rtig nach Oppositionshandbuch 1.0 mit ganz einfachen Texten: zu wenig oder zu viel, zu schnell oder zu langsam. Neue Ideen sehe ich nicht. Beide Parteien scheinen mir noch auf Orientierungssuche.<\/p>\n<p>Frage: Orientierung scheint manchmal auch dem Kanzler zu fehlen. Stehen Sie ihm inzwischen so nahe, dass Sie ihn anrufen k\u00f6nnten mit dem Rat: \u201eJetzt fahr doch mal nach Kiew!\u201c<\/p>\n<p>Lindner: Der Kanzler braucht keine Ratschl\u00e4ge von mir. Ich habe ein kollegiales Verh\u00e4ltnis zu Olaf Scholz, auch weil ich nie etwas aus bilateralen Gespr\u00e4chen erz\u00e4hle. Ich halte es im \u00dcbrigen nicht f\u00fcr ein Problem, wenn sichtbar wird, dass die FDP andere Positionen hat als die SPD. Die FDP hat sich klar und fr\u00fch f\u00fcr die Lieferung von schweren Waffen ausgesprochen. Es gibt nun mal unterschiedliche Perspektiven. Wir sind eine Koalition eingegangen, keine Fusion.<\/p>\n<p>Frage: Was hat sich f\u00fcr Sie mit dem Amtsantritt am st\u00e4rksten ver\u00e4ndert?<\/p>\n<p>Lindner: Ganz klar: die internationale Komponente. Bisher war ich ein deutscher Politiker und habe mich im deutschen Umfeld bewegt. Heute finden 30 Prozent meiner Arbeit auf Englisch statt. Auf internationaler B\u00fchne spreche ich zudem nicht f\u00fcr mich, sondern f\u00fcr die Bundesrepublik, also auch f\u00fcr jene, die mich nicht gew\u00e4hlt haben. Es kostet viel Vorbereitung und Nachdenken, um das Richtige zu tun.<\/p>\n<p>Frage: Und gerade in diesem Jahr hat Deutschland auch noch die Pr\u00e4sidentschaft bei den G7.<\/p>\n<p>Lindner: Wenn ich es mir h\u00e4tte aussuchen k\u00f6nnen, h\u00e4tte ich nicht Finanzminister und gleichzeitig Pr\u00e4sident aller G7-Finanzminister werden m\u00fcssen.<\/p>\n<p>Frage: Zwischendurch steht noch ein weiteres Gro\u00dfprojekt an: Am 7. Juli heiraten Sie die TV-Moderatorin Franca Lehfeldt \u2013 nun doch nicht in der Toskana, sondern auf Sylt. Warum im Norden?<\/p>\n<p>Lindner: Zu privaten Dingen sage ich nichts.<\/p>\n<p>Frage: Kann man als Paar, das so sehr in der \u00d6ffentlichkeit steht, das Private \u00fcberhaupt sch\u00fctzen?<\/p>\n<p>Lindner: Ja. Ich trenne seit vielen Jahren sehr klar, was ich in meinen \u00c4mtern tue und was privat. Auch weil ich wei\u00df, dass ich Gegenstand von Auseinandersetzungen bin und die linksgr\u00fcne Community auf Twitter sich durch manche meiner Positionen provoziert f\u00fchlt. Aus diesen Kontroversen will ich Familie und Freunde raushalten.<\/p>\n<p>Frage: Hat sich das Verhalten der Menschen Ihnen gegen\u00fcber ver\u00e4ndert, seit Sie das Amt angetreten haben?<\/p>\n<p>Lindner: Nein, gar nicht. Der einzige Unterschied ist, dass ich im Bundestagswahlkampf noch vollkommen allein unterwegs war. Heute sch\u00fctzt der Staat das Amt, weshalb immer Sicherheitsbeamte dabei sind.<\/p>\n<p>Frage: Hatten Sie je das Gef\u00fchl: \u201eJetzt reicht\u2019s mir! Jetzt h\u00f6r ich auf\u201c?<\/p>\n<p>Lindner: Nie! Meine ganze Leidenschaft gilt der Politik. Deshalb bewerbe ich mich um ein Mandat, jedes Mal mit meiner ganzen Kraft. Wer klagt, wie schrecklich alles sei, der soll die Aufgabe einem anderen \u00fcbertragen, der seine ganze Motivation daraus sch\u00f6pft. Bei mir ist das so.<\/p>\n<\/div>\n","protected":false},"excerpt":{"rendered":"<p>Der FDP-Bundesvorsitzende und Bundesminister der Finanzen Christian Lindner gab dem \u201eFOCUS Magazin\u201c (Samstag-Ausgabe) das folgende Interview. 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