{"id":6427,"date":"2022-07-31T11:14:00","date_gmt":"2022-07-31T09:14:00","guid":{"rendered":"https:\/\/fdp-aktiv.de\/blog\/?p=6427"},"modified":"2022-07-31T11:14:00","modified_gmt":"2022-07-31T09:14:00","slug":"djir-sarai-interview-wir-sind-ein-einwanderungsland-deshalb-brauchen-wir-eine-moderne-einwanderungspolitik","status":"publish","type":"post","link":"https:\/\/fdp-aktiv.de\/blog\/2022\/07\/31\/djir-sarai-interview-wir-sind-ein-einwanderungsland-deshalb-brauchen-wir-eine-moderne-einwanderungspolitik\/","title":{"rendered":"DJIR-SARAI-Interview: Wir sind ein Einwanderungsland. Deshalb brauchen wir eine moderne Einwanderungspolitik."},"content":{"rendered":"<div class=\"clearfix text-formatted field field--name-body field--type-text-with-summary field--label-hidden field__item\">\n<p>Der FDP-Generalsekret\u00e4r Bijan Djir-Sarai gab dem \u201eFocus Magazin\u201c (aktuelle Ausgabe) das folgende Interview. Die Fragen stellten Franziska Reich und Thomas Tuma:<\/p>\n<figure id=\"attachment_4020\" aria-describedby=\"caption-attachment-4020\" style=\"width: 800px\" class=\"wp-caption aligncenter\"><a href=\"https:\/\/fdp-aktiv.de\/blog\/wp-content\/uploads\/2022\/01\/bijan.jpg\"><img loading=\"lazy\" decoding=\"async\" class=\"size-large wp-image-4020\" src=\"https:\/\/fdp-aktiv.de\/blog\/wp-content\/uploads\/2022\/01\/bijan-1024x1024.jpg\" alt=\"\" width=\"800\" height=\"800\" srcset=\"https:\/\/fdp-aktiv.de\/blog\/wp-content\/uploads\/2022\/01\/bijan-1024x1024.jpg 1024w, https:\/\/fdp-aktiv.de\/blog\/wp-content\/uploads\/2022\/01\/bijan-300x300.jpg 300w, https:\/\/fdp-aktiv.de\/blog\/wp-content\/uploads\/2022\/01\/bijan-150x150.jpg 150w, https:\/\/fdp-aktiv.de\/blog\/wp-content\/uploads\/2022\/01\/bijan-768x767.jpg 768w, https:\/\/fdp-aktiv.de\/blog\/wp-content\/uploads\/2022\/01\/bijan-400x400.jpg 400w, https:\/\/fdp-aktiv.de\/blog\/wp-content\/uploads\/2022\/01\/bijan.jpg 1200w\" sizes=\"auto, (max-width: 800px) 100vw, 800px\" \/><\/a><figcaption id=\"caption-attachment-4020\" class=\"wp-caption-text\">Bijan Djir-Sarai<\/figcaption><\/figure>\n<p><strong>Frage: <\/strong>Herr Djir-Sarai, wof\u00fcr braucht es \u00fcberhaupt eine Antidiskriminierungsbeauftragte? Ist das mehr als Symbolpolitik?<\/p>\n<p><strong>Djir-Sarai:\u00a0<\/strong>Ich finde es richtig und wichtig, dass wir uns in Deutschland mit Diskriminierung als gesellschaftlichem Problem besch\u00e4ftigen. Deshalb ist das Amt im Koalitionsvertrag auch festgeschrieben worden.<\/p>\n<p><strong>Frage:<\/strong>\u00a0Ihre Partei hat gerade einen Sonderbeauftragten zur R\u00fcckf\u00fchrung von Migranten gefordert \u2013 ist das nicht das Gegenteil zu Frau Atamans k\u00fcnftigem Job?<\/p>\n<p><strong>Djir-Sarai:\u00a0<\/strong>Wir als FDP wollen eine moderne <a href=\"https:\/\/fdp-aktiv.de\/blog\/2021\/01\/29\/fdp-forderung-einwandungspolitik\/\" data-internallinksmanager029f6b8e52c=\"7\" title=\"FDP Forderung Einwanderungs- und Fl\u00fcchtlingspolitik\">Einwanderungspolitik<\/a> mit klaren Leitplanken, die sich an Realit\u00e4ten orientiert. Deutschland ist ein Einwanderungsland. Deshalb wollen wir ein Punktesystem einf\u00fchren, die Attraktivit\u00e4t f\u00fcr ausl\u00e4ndische Fachkr\u00e4fte steigern und bessere Integrationskurse anbieten. Gleichzeitig sollen diejenigen ausgewiesen werden k\u00f6nnen, die straff\u00e4llig werden. Es gab in der Vergangenheit h\u00e4ufig Probleme bei der Ausweisung von Kriminellen. Da m\u00fcssen wir deutlich besser werden. Deshalb findet sich auch dieser Punkt im Koalitionsvertrag.<\/p>\n<p><strong>Frage:\u00a0<\/strong>Sie sprechen jetzt von Kriminellen. Sie haben aber auch mal gesagt, dass jene, die unsere Werte nicht teilen, gehen sollen. Wie definieren Sie diese Werte?<\/p>\n<p><strong>Djir-Sarai:\u00a0<\/strong>Es ist doch klar, dass man nicht die Vorteile des deutschen Systems in Anspruch nehmen kann und gleichzeitig unsere Werte wie Menschenrechte, Religionsfreiheit oder die Gleichstellung von Mann und Frau nicht akzeptiert. Das funktioniert nicht.<\/p>\n<p><strong>Frage:\u00a0<\/strong>Die Bundesregierung diskutiert ein neues \u201eTeilhabegesetz\u201c f\u00fcr Migrantinnen und Migranten, das auch gew\u00e4hrleisten soll, dass sie in \u00f6ffentlichen Institutionen gleichberechtigt an Jobs kommen k\u00f6nnen. Eine neue Art Quote?<\/p>\n<p><strong>Djir-Sarai:\u00a0<\/strong>Ich kann in dem Vorhaben keine Quote erkennen. Was wir in der Koalition verabredet haben, ist der Abbau von bestehenden H\u00fcrden bei der Partizipation. Fakt ist: Die Gesellschaft profitiert nur von Einwanderung, wenn die Integration gelingt. Wir m\u00fcssen alles daf\u00fcr tun, dass keine Parallelgesellschaften entstehen, sondern dass jene Menschen, die zu uns kommen, sich schnell ein Leben bei uns aufbauen k\u00f6nnen und sich in die Gesellschaft einfinden. Integration ist aber nat\u00fcrlich keine Einbahnstra\u00dfe.<\/p>\n<p><strong>Frage:\u00a0<\/strong>Gibt es ein Mehr-Klassen-System der Migration? Hei\u00dfen wir Ukrainer derzeit freundlicher willkommen, als Syrer, Afghanen oder Iraner?<\/p>\n<p><strong>Djir-Sarai:\u00a0<\/strong>Die Bereitschaft, Menschen aufzunehmen, die uns kulturell n\u00e4herstehen, ist wahrscheinlich gr\u00f6\u00dfer. Der Krieg in der Ukraine ist uns auch geografisch schlicht n\u00e4her als der in Syrien. Von einem Mehr-Klassen-System w\u00fcrde ich aber nicht sprechen.<\/p>\n<p><strong>Frage:\u00a0<\/strong>Waren Sie aufgrund Ihrer pers\u00f6nlichen Geschichte sensibler als die deutsche Mehrheitsgesellschaft, was die Bedrohung durch Putin anging?<\/p>\n<p><strong>Djir-Sarai:\u00a0<\/strong>Menschen, die wie ich in einem System der Unfreiheit aufgewachsen sind, haben einen besonderen Sinn daf\u00fcr, ab wann Freiheit gef\u00e4hrdet ist. Ich fordere schon seit Jahren, dass man nicht naiv sein darf gegen\u00fcber Autokraten, egal ob in Russland, China oder dem Iran. Putin hat seit vielen Jahren seine Grenzen ausgetestet. Da habe ich die deutsche Politik oft als besch\u00e4mend naiv empfunden. Meine gro\u00dfe Hoffnung ist, dass die Ereignisse nun wenigstens dazu f\u00fchren, dass diese Arglosigkeit endet.<\/p>\n<p><strong>Frage:\u00a0<\/strong>M\u00fcssen wir autokratischen Systemen st\u00e4rker die Stirn bieten?<\/p>\n<p><strong>Djir-Sarai:\u00a0<\/strong>Wenn wir unsere Werte verteidigen wollen: ja, unbedingt.\u00a0 Die Vorstellung, die man lange hatte \u2013 Dialog, noch mehr Dialog, Wandel durch Handel \u2013 funktioniert nicht. Auch das chinesische System denkt nicht daran, unsere Werte zu \u00fcbernehmen. Solche Regierungen sind Feinde unseres Systems, unserer Werte, unserer Freiheit. Sie werden immer ausschlie\u00dflich ihre eigenen Interessen verfolgen &#8211; mit aller H\u00e4rte, wenn es sein muss.<\/p>\n<p><strong>Frage:\u00a0<\/strong>Das klingt bitter\u2026<\/p>\n<p><strong>Djir-Sarai:\u00a0<\/strong>\u2026 ist aber die Realit\u00e4t, auch wenn sie uns nicht gef\u00e4llt. Wir k\u00f6nnen ja keine Realit\u00e4tsverweigerung betreiben, nur damit wir uns emotional besser f\u00fchlen. Ich habe fr\u00fcher permanent mit dem damaligen SPD-Au\u00dfenminister Heiko Maas dar\u00fcber gestritten, wie wir etwa mit dem Iran umgehen. Ich habe gesagt: Wir k\u00f6nnen nicht von morgens bis abends \u00fcber ein Atomabkommen sprechen und komplett ignorieren, dass im Iran Menschen verschwinden, gefoltert und ermordet werden. Der Iran destabilisiert den gesamten Nahen Osten.<\/p>\n<p><strong>Frage:\u00a0<\/strong>Sie selbst kamen mit elf Jahren aus dem Iran nach Deutschland. 27 Prozent der Menschen in Deutschland haben mittlerweile wie Sie ihre Wurzeln in anderen L\u00e4ndern und Kulturen. In Ihrer eigenen Partei sind es nur 5 Prozent, weniger als in der AfD! F\u00fchlen Sie sich manchmal wie ein Fremdk\u00f6rper?<\/p>\n<p><strong>Djir-Sarai:\u00a0<\/strong>Also, ich stehe nicht morgens auf und sage mir beim Z\u00e4hneputzen: \u201eIch habe einen Migrationshintergrund.\u201c So funktioniert das nicht. Und es spielt auch keine Rolle. Einer der Gr\u00fcnde, weshalb die FDP meine politische Heimat wurde, war: Bei den Liberalen ist es egal, woher jemand kommt. Meine Herkunft war einfach irrelevant. Es hie\u00df nur: Das ist der Bijan, und der versteht was von Politik. F\u00fcr mich musste niemand den Wegweiser spielen, wie ich in Deutschland zurechtkomme. Ich wollte einfach dazu geh\u00f6ren.<\/p>\n<p><strong>Frage:\u00a0<\/strong>Ihre Eltern blieben in Teheran. Sie wurden allein nach Deutschland zu Ihrem Onkel geschickt\u2026<\/p>\n<p><strong>Djir-Sarai:\u00a0<\/strong>\u2026 und ich wusste: Das ist jetzt ein Neuanfang. Aber auch eine riesengro\u00dfe Chance, die viele Kinder im Iran, viele meiner eigenen Familienmitglieder nicht hatten. Ich durfte ein neues Leben anfangen und habe mir gesagt: \u201eMach\u2018 was draus!\u201c<\/p>\n<p><strong>Frage:\u00a0<\/strong>Trotzdem ist Ihr Weg als Migrant in die Politik au\u00dfergew\u00f6hnlich. Woran liegt\u2018s?<\/p>\n<p><strong>Djir-Sarai:\u00a0<\/strong>Auch bei mir war es alles andere als selbstverst\u00e4ndlich. Wenn man im Iran der 80er Jahre aufw\u00e4chst, ist man, ob man will oder nicht, ein politischer Mensch. Auch in Deutschland habe ich mich sehr f\u00fcr Politik interessiert. Aber ich hatte immer das Gef\u00fchl, dass Menschen mit Migrationsgeschichte in der Politik keine Chance haben.<\/p>\n<p><strong>Frage:\u00a0<\/strong>Bis Sie den Gr\u00fcnen-Star Cem \u00d6zdemir gesehen haben.<\/p>\n<p><strong>Djir-Sarai:\u00a0<\/strong>Das hatte tats\u00e4chlich gar nichts mit Cem \u00d6zdemir als Person zu tun, sondern damit, dass da einer, der nicht Klaus Schmitz oder Peter Kr\u00fcger hei\u00dft, gew\u00e4hltes Mitglied des deutschen Parlaments war. Das hat mich damals beeindruckt. Vorbilder sind unheimlich wichtig. Jeden Tag sp\u00fcrt man ja die Barrieren, mit denen man konfrontiert ist, wenn man ein bestimmtes Aussehen hat oder einen au\u00dfergew\u00f6hnlichen Namen tr\u00e4gt. Daher ist es wichtig, zu Menschen aufschauen zu k\u00f6nnen, die es trotz dieser Barrieren geschafft haben.<\/p>\n<p><strong>Frage:\u00a0<\/strong>Durch Ihre Jugend soll sich Frust wie ein roter Faden gezogen haben.<\/p>\n<p><strong>Djir-Sarai:\u00a0<\/strong>Manchmal war es schon schmerzhaft. Jeder geht mit derartigen Erfahrungen anders um. Ich habe aus dem Frust aber auch meine Motivation gezogen. Anders als einige meiner damaligen Schulfreunde.<\/p>\n<p><strong>Frage:\u00a0<\/strong>Wie tickten die?<\/p>\n<p><strong>Djir-Sarai:\u00a0<\/strong>Die meisten waren selbst Migranten, und viele haben sich entt\u00e4uscht abgewandt nach dem Motto: Hier kommen wir eh nicht weiter. Einige haben sehr fr\u00fch die Schule verlassen. Ich dagegen hatte immer irgendwie das Bed\u00fcrfnis, es erst recht gut zu machen.<\/p>\n<p><strong>Frage:\u00a0<\/strong>Gab es Momente, in denen auch Sie am liebsten aufgegeben h\u00e4tten?<\/p>\n<p><strong>Djir-Sarai:\u00a0<\/strong>Ich war im Iran ein sehr guter Sch\u00fcler, vor allem in naturwissenschaftlichen F\u00e4chern wie Mathematik. In Deutschland war das Problem, dass ich anfangs die Sprache nicht beherrschte. Wenn Sie dann Textaufgaben l\u00f6sen m\u00fcssen, wissen Sie nicht, was Sie machen sollen. Irgendwann hat man unweigerlich das Gef\u00fchl, gar nichts zu k\u00f6nnen. Ich erinnere mich an einen furchtbaren Moment w\u00e4hrend einer Klassenarbeit in der f\u00fcnften Klasse. Der Lehrer hat eine Geschichte vorgelesen, die wir aus der Sicht einer anderen Person nacherz\u00e4hlen sollten. Alle fingen an zu schreiben wie wild, und ich sa\u00df da, 45 Minuten lang, und dachte nur: Mist! Am Ende wurde das Heft eingesammelt und der Sch\u00fcler Bijan gibt ein wei\u00dfes Blatt ab. Das war einfach hart.<\/p>\n<p><strong>Frage:\u00a0<\/strong>Hatten Sie eine Vorstellung von Deutschland, als Sie ankamen?<\/p>\n<p><strong>Djir-Sarai:\u00a0<\/strong>Ich kannte die deutsche Fu\u00dfball-Nationalmannschaft. 1986 war Fu\u00dfball-WM, Leute wie Matth\u00e4us, Rummenigge und Schumacher waren Superstars f\u00fcr mich. Au\u00dferdem hatte mein Vater in Deutschland studiert und von 1959 bis 1974 dort gelebt. Es kamen auch immer wieder deutsche Freunde in Teheran zu Besuch\u2026<\/p>\n<p><strong>Frage:\u00a0<\/strong>Ist die Feststellung schon rassistisch, dass es wom\u00f6glich Nationalit\u00e4ten gibt, die sich leichter tun mit der Integration als andere?<\/p>\n<p><strong>Djir-Sarai:\u00a0<\/strong>Pauschalisieren kann man hier nicht. Die Menschen sind ja alle individuell, mit ganz eigenen Vorstellungen und W\u00fcnschen. In der iranischen Community zum Beispiel, die ich gut kenne, f\u00e4llt mir oft auf, dass es den Menschen sehr stark um Bildung geht. Da kommen Menschen aus dem Iran und ihre erste Frage ist: \u201eWie kann ich mich an der Uni einschreiben?\u201c Oder: \u201eWas muss ich daf\u00fcr tun, dass meine Kinder Sprachkurse bekommen?\u201c Ich finde das beeindruckend.<\/p>\n<p><strong>Frage:\u00a0<\/strong>Die Sehnsucht nach Bildung in einer Kultur ist also der Schl\u00fcssel f\u00fcr Integration?<\/p>\n<p><strong>Djir-Sarai:\u00a0<\/strong>Unbedingt, zumindest einer der Schl\u00fcssel. Ein Beispiel: Im Iran bildet man sich nicht unbedingt, weil man Karriere machen will, sondern weil Bildung ein Teil der kulturellen Identit\u00e4t ist. Iraner sitzen zusammen und tragen sich gegenseitig Gedichte vor. Oder es gibt Wettbewerbe, wer besser rechnen oder sch\u00f6ner schreiben kann. Wer spricht wie viele Sprachen? Es geh\u00f6rt zur Kultur, sich sehr f\u00fcr Literatur, Sprache, Geschichte oder Philosophie zu interessieren.<\/p>\n<p><strong>Frage:\u00a0<\/strong>Wer hat Sie in Deutschland besonders unterst\u00fctzt?<\/p>\n<p><strong>Djir-Sarai:\u00a0<\/strong>Viele Menschen, insbesondere meine Lehrer. Viele von ihnen haben angeboten, mir nach dem Unterricht Nachhilfe zu geben. Von dem Angebot habe ich oft Gebrauch gemacht. Und ich hatte einen Riesen-Vorteil, weil ich in einem Umfeld aufgewachsen bin, in dem keine iranische Community existierte.<\/p>\n<p><strong>Frage:\u00a0<\/strong>Weil Ihnen so nichts anderes \u00fcbrigblieb, als Deutsch zu lernen?<\/p>\n<p><strong>Djir-Sarai:\u00a0<\/strong>Ja. Meine Biografie w\u00e4re mit Sicherheit anders verlaufen, wenn ich von Teheran in eine deutsche Gro\u00dfstadt gekommen w\u00e4re, in der es eine iranische Community gegeben h\u00e4tte. Da ist die Versuchung nat\u00fcrlich da, sich in seine Komfortzone zur\u00fcckzuziehen. In Grevenbroich war ich gezwungen, mich einzugliedern. Ich war im Fu\u00dfballverein, heute bin ich im Sch\u00fctzenverein. Es ist ein Wirgef\u00fchl.<\/p>\n<p><strong>Frage:\u00a0<\/strong>Ist Integration auf dem Land also leichter als in der Stadt?<\/p>\n<p><strong>Djir-Sarai:\u00a0<\/strong>Anhand meiner ganz pers\u00f6nlichen Erfahrungen w\u00fcrde ich sagen: ja. Aber es kommt nat\u00fcrlich ganz stark auf ein ermutigendes Umfeld an. Das kann es nat\u00fcrlich auch in Gro\u00dfst\u00e4dten geben. Bei mir zu Hause wurde Wert darauf gelegt, nicht Farsi, sondern immer deutsch zu sprechen. Jeden Tag musste ich eine Seite aus dem W\u00f6rterbuch auswendig lernen. Ich habe mit Fernsehserien wie \u201eKnight Rider\u201c oder \u201eEin Colt f\u00fcr alle F\u00e4lle\u201c die Sprache gelernt. Deutsch ist ja recht komplex. Aber von einem auf den anderen Tag verstand ich es. Das macht wahnsinnig gl\u00fccklich.<\/p>\n<p><strong>Frage:\u00a0<\/strong>Wann haben Sie das erste Mal auf Deutsch getr\u00e4umt?<\/p>\n<p><strong>Djir-Sarai:\u00a0<\/strong>Das hat bestimmt drei, vier Jahre gedauert. Bis heute rechne ich \u00fcbrigens auf persisch. Das ist immer noch so in mir drin.<\/p>\n<p><strong>Frage:\u00a0<\/strong>Wie nennen Sie hier geborene Menschen mit langen deutschen Ahnentafeln? \u201eBio-Deutsche\u201c? Oder auch mal \u201eKartoffeln\u201c?<\/p>\n<p><strong>Djir-Sarai:\u00a0<\/strong>Solche Begriffe w\u00fcrde ich nie w\u00e4hlen. Ebenso wenig wie ich \u00fcber \u201ealte wei\u00dfe M\u00e4nner\u201c sprechen k\u00f6nnte. Man bek\u00e4mpft Diskriminierung nicht mit neuer Diskriminierung.<\/p>\n<p><strong>Frage:\u00a0<\/strong>W\u00fcrden Sie jemals wieder in den Iran reisen?<\/p>\n<p><strong>Djir-Sarai:\u00a0<\/strong>So eine Reise kommt f\u00fcr mich derzeit nicht infrage. Mein diplomatischer Status als Bundestagsabgeordneter interessiert den Iran wenig, denn ich habe neben der deutschen Staatsb\u00fcrgerschaft weiterhin einen iranischen Pass.<\/p>\n<p><strong>Frage:\u00a0<\/strong>Den k\u00f6nnen Sie nicht ablegen?<\/p>\n<p><strong>Djir-Sarai:\u00a0<\/strong>Nein, der iranische Staat entl\u00e4sst einen nicht aus seiner Staatsb\u00fcrgerschaft. Die Regierung in Teheran sieht in mir keinen deutschen Politiker, sondern einen Oppositionellen aus ihrem eigenen Land. Das w\u00fcrde es dem Regime auch leichter machen, mir vor Ort ernsthafte Schwierigkeiten zu bereiten.<\/p>\n<p><strong>Frage:\u00a0<\/strong>Wie geht es Ihren Eltern, die ja im Iran geblieben sind?<\/p>\n<p><strong>Djir-Sarai:\u00a0<\/strong>Ihnen geht es unter den gegebenen Umst\u00e4nden gut, sie kommen ihre Kinder auch ab und an in Deutschland besuchen. Meine Schwester lebt ja ebenfalls l\u00e4ngst hier. Ich w\u00fcrde mich nat\u00fcrlich unglaublich freuen, wenn ich meinen eigenen Kindern irgendwann mal den Iran zeigen k\u00f6nnte.<\/p>\n<p><strong>Frage:\u00a0<\/strong>Was funktioniert in der deutschen Ausl\u00e4nderpolitik mittlerweile? Wo wachsen die Probleme vielleicht sogar?<\/p>\n<p><strong>Djir-Sarai:\u00a0<\/strong>Wir verstehen mittlerweile, dass Deutschland ein Einwanderungsland ist. Entsprechend brauchen wir endlich eine moderne Einwanderungspolitik. Die Union hat in dieser Frage lange Jahre ideologische Scheuklappen gehabt. Die Ampelkoalition hingegen sieht Einwanderung als Chance. Das Kabinett hat k\u00fcrzlich das Migrationspaket I beschlossen \u2013 ein echter Paradigmenwechsel in der Migrationspolitik. Dennoch bleibt einiges zu tun, insbesondere wenn man sich den aktuellen Fachkr\u00e4ftemangel in fast allen Branchen anschaut. Als FDP wollen wir deshalb rasch weitere Schritte gehen und ein echtes Einwanderungsgesetz auf den Weg bringen. Topleute gehen immer noch eher nach Kanada, Australien oder in die USA. Das hat auch mit B\u00fcrokratie zu tun, weshalb wir unn\u00f6tige B\u00fcrokratie abbauen und eine gesteuerte Einwanderung in unser Land attraktiver machen wollen.<\/p>\n<p><strong>Frage:\u00a0<\/strong>Wie sah das bei Ihrem eigenen Rechtsstatus aus?<\/p>\n<p><strong>Djir-Sarai:\u00a0<\/strong>Ich kam als alleinreisender Jugendlicher in Deutschland an und bekam zun\u00e4chst eine befristete Aufenthaltsbescheinigung. Als der Iran-Irak-Krieg endete, wurde ich aufgefordert, Deutschland wieder zu verlassen. Damals schrieb meine Schulklasse einen Bittbrief an den NRW-Innenminister. Ich durfte erst einmal bleiben, aber das Verfahren dauerte. Erst Anfang 1996 konnte ich deutscher Staatsb\u00fcrger werden.<\/p>\n<p><strong>Frage:\u00a0<\/strong>Der Prozess soll nun beschleunigt werden, was wiederum die Union kritisiert.<\/p>\n<p><strong>Djir-Sarai:\u00a0<\/strong>Die Union versucht bei dem Thema Einwanderung die vermeintliche Lufthoheit \u00fcber die Stammtische zu bewahren und malt Migration eher in d\u00fcsteren Farben. Das ist absolut realit\u00e4tsfern. Die Ampelkoalition l\u00e4utet auch in der Migrationspolitik eine Zeitenwende ein. Das Dauergen\u00f6rgel der Union ist unangebracht. Je sachlicher die Debatten gef\u00fchrt werden, umso besser f\u00fcr alle.<\/p>\n<p><strong>Frage:\u00a0<\/strong>Wo standen Sie bei der gro\u00dfen Fl\u00fcchtlingskrise ab 2015?<\/p>\n<p><strong>Djir-Sarai:\u00a0<\/strong>Als FDP sind wir weltoffen und tolerant, sehen aber ebenso die Notwendigkeit von klaren Regeln f\u00fcr die Zuwanderung. Wir m\u00fcssen wissen, wer zu uns kommt. 2015 hatte mit Regeln und Rechtsstaatlichkeit allerdings nicht mehr viel zu tun. Da gab es einen Kipp-Punkt, ab dem das Chaos regierte. Das m\u00fcssen wir k\u00fcnftig vermeiden.<\/p>\n<p><strong>Frage:\u00a0<\/strong>Rechnen Sie im Fall Ukraine mit weiteren Fl\u00fcchtlingswellen?<\/p>\n<p><strong>Djir-Sarai:\u00a0<\/strong>Das h\u00e4ngt zu sehr vom Kriegsverlauf ab, als dass ich Prognosen wagen w\u00fcrde. Aber ich f\u00fcrchte, dass uns der Krieg, den Russland da v\u00f6lkerrechtswidrig vom Zaun gebrochen hat, noch l\u00e4nger besch\u00e4ftigen wird. Diplomatische L\u00f6sungen \u00fcber die K\u00f6pfe der Ukrainer hinweg darf und wird es jedenfalls nicht geben.<\/p>\n<p><strong>Frage:\u00a0<\/strong>Was an Ihnen ist vielleicht noch persisch, was besonders deutsch?<\/p>\n<p><strong>Djir-Sarai:\u00a0<\/strong>Mein Humor ist ziemlich persisch. Da kommt mir meine Heimat im Rheinland entgegen. Dar\u00fcber hinaus ist alles an mir ziemlich deutsch, w\u00fcrde ich sagen. Besonders deutsch an mir sind vielleicht ein paar Werte, die mir einst nahegebracht wurden. Ob die heutzutage noch so en vogue sind, bezweifle ich allerdings manchmal (<em>lacht<\/em>).<\/p>\n<p><strong>Frage:\u00a0<\/strong>Welche meinen Sie?<\/p>\n<p><strong>Djir-Sarai:\u00a0<\/strong>Zum Beispiel P\u00fcnktlichkeit oder Genauigkeit. Auch die Lust am Probleml\u00f6sen, die oft zu Missverst\u00e4ndnissen f\u00fchren kann. Im Nahen Osten geht man mit Problemen anders um, man fragt sich dort weniger, wie man ein Problem komplett l\u00f6sen kann, als vielmehr, wie man mit dem Problem besser leben, wie man es verwalten kann.<\/p>\n<p>&nbsp;<\/p>\n<\/div>\n","protected":false},"excerpt":{"rendered":"<p>Der FDP-Generalsekret\u00e4r Bijan Djir-Sarai gab dem \u201eFocus Magazin\u201c (aktuelle Ausgabe) das folgende Interview. 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