{"id":7134,"date":"2022-09-27T17:35:05","date_gmt":"2022-09-27T15:35:05","guid":{"rendered":"https:\/\/fdp-aktiv.de\/blog\/?p=7134"},"modified":"2022-09-27T17:36:39","modified_gmt":"2022-09-27T15:36:39","slug":"lindner-interview-wir-muessen-vom-bafoeg-empfaenger-ueber-den-mittelstaendischen-betrieb-bis-zur-rentnerin-eine-daempfung-des-preisschocks-erreichen","status":"publish","type":"post","link":"https:\/\/fdp-aktiv.de\/blog\/2022\/09\/27\/lindner-interview-wir-muessen-vom-bafoeg-empfaenger-ueber-den-mittelstaendischen-betrieb-bis-zur-rentnerin-eine-daempfung-des-preisschocks-erreichen\/","title":{"rendered":"LINDNER-Interview: Wir m\u00fcssen vom Baf\u00f6g-Empf\u00e4nger \u00fcber den mittelst\u00e4ndischen Betrieb bis zur Rentnerin eine D\u00e4mpfung des Preisschocks erreichen."},"content":{"rendered":"<div class=\"clearfix text-formatted field field--name-body field--type-text-with-summary field--label-hidden field__item\">\n<p>Der FDP-Bundesvorsitzende und Bundesminister der Finanzen Christian Lindner gab \u201et-online\u201c das folgende Interview. Die Fragen stellten Sven B\u00f6ll und Florian Schmidt:<\/p>\n<figure id=\"attachment_2196\" aria-describedby=\"caption-attachment-2196\" style=\"width: 800px\" class=\"wp-caption aligncenter\"><a href=\"https:\/\/fdp-aktiv.de\/blog\/wp-content\/uploads\/2021\/08\/Christian-Lindner-WP-Bild-800x600-1.jpg\"><img loading=\"lazy\" decoding=\"async\" class=\"size-full wp-image-2196\" src=\"https:\/\/fdp-aktiv.de\/blog\/wp-content\/uploads\/2021\/08\/Christian-Lindner-WP-Bild-800x600-1.jpg\" alt=\"Christian Lindner\" width=\"800\" height=\"600\" srcset=\"https:\/\/fdp-aktiv.de\/blog\/wp-content\/uploads\/2021\/08\/Christian-Lindner-WP-Bild-800x600-1.jpg 800w, https:\/\/fdp-aktiv.de\/blog\/wp-content\/uploads\/2021\/08\/Christian-Lindner-WP-Bild-800x600-1-300x225.jpg 300w, https:\/\/fdp-aktiv.de\/blog\/wp-content\/uploads\/2021\/08\/Christian-Lindner-WP-Bild-800x600-1-768x576.jpg 768w\" sizes=\"auto, (max-width: 800px) 100vw, 800px\" \/><\/a><figcaption id=\"caption-attachment-2196\" class=\"wp-caption-text\">Christian Lindner<\/figcaption><\/figure>\n<p><strong>Frage: <\/strong>Herr Lindner, Sie wirkten in den vergangenen Wochen gel\u00f6ster als in der Zeit davor. Liegt das auch daran, dass Robert Habeck strauchelt \u2013 und die Popularit\u00e4tswerte des Wirtschaftsministers erodiert sind?<\/p>\n<p><strong>Lindner: <\/strong>Nein. Jeder hat Aufs und Abs in der Stimmung. Deshalb sollte man dem eigenen Kompass folgen und nicht dem Applaus des Tages. Richtig ist aber, dass ich selbst nichts weiter mehr werden muss. Das erlaubt mir Konzentration auf die Sache.<\/p>\n<p><strong>Frage: <\/strong>Das hei\u00dft: Christian Lindner ist am Ziel seiner Tr\u00e4ume?<\/p>\n<p><strong>Lindner: <\/strong>Tr\u00e4ume habe ich, aber die haben mehr mit Familie als mit \u00c4mtern zu tun. Mein Vorg\u00e4nger wollte Kanzler werden, manch einer im Kabinett will noch Kanzlerkandidat werden, Friedrich Merz auch. Aber ich will nur meinen Job gut machen.<\/p>\n<p><strong>Frage: <\/strong>Also wird es nie einen Kanzlerkandidaten Christian Lindner geben?<\/p>\n<p><strong>Lindner: <\/strong>Wie gesagt, mir geht es um Ziele in der Sache. Wenn die Menschen bei der n\u00e4chsten Wahl sagen, er hat daf\u00fcr gesorgt, dass das Land in der Mitte bleibt und Fortschritt erreicht wurde, dann bin ich zufrieden. So w\u00fcrde ich gerne in die n\u00e4chste Wahl gehen.<\/p>\n<p><strong>Frage: <\/strong>Trotzdem haben Sie sich zuletzt mit Robert Habeck h\u00e4ufig beharkt. Wir dachten immer, es g\u00e4be in einem Kabinett wenigstens ein Mindestma\u00df an Kollegialit\u00e4t.<\/p>\n<p><strong>Lindner: <\/strong>Es w\u00e4re unehrlich zu leugnen, dass mich manche \u00c4u\u00dferung oder Indiskretion nicht gewundert h\u00e4tte. Aber wir sind in Zeiten harter Entscheidungen \u00fcber Richtungen und Ressourcen. Die branden zumeist beim Finanzminister an. Ich kann das einordnen.<\/p>\n<p><strong>Frage: <\/strong>Und trotzdem: In den ersten Monaten der Regierung von SPD, Gr\u00fcnen und FDP gab es so etwas wie den Zauber des Neubeginns. K\u00f6nnen Sie den Ampel-Geist noch irgendwo erkennen?<\/p>\n<p><strong>Lindner: <\/strong>Die Leute, die sich vor einer kalten Wohnung f\u00fcrchten, und die Betriebe, die um ihre Existenz bangen, stellen sich solche Fragen im Moment garantiert nicht. Die wollen ihre Probleme gel\u00f6st sehen. Und deshalb wird mein Tagesablauf nicht von der Suche nach irgendwelchen Geistern bestimmt, sondern von der Notwendigkeit, einen wirtschaftlichen Strukturbruch in unserem Land zu verhindern\u2026<\/p>\n<p><strong>Frage: <\/strong>\u2026also nicht einen allm\u00e4hlichen Strukturwandel, sondern einen pl\u00f6tzlichen.<\/p>\n<p><strong>Lindner: <\/strong>Genau. Wir m\u00fcssen die Vernichtung gesunder Existenzen verhindern. Daf\u00fcr sch\u00f6pft die Koalition alle M\u00f6glichkeiten aus. Deshalb werden wir auch eine Strom- und Gaspreisbremse auf den Weg bringen.<\/p>\n<p><strong>Frage: <\/strong>Das bedeutet, die Sorgen vieler B\u00fcrger und Unternehmen vor dem Winter sind unbegr\u00fcndet?<\/p>\n<p><strong>Lindner: <\/strong>Sorgen sind begr\u00fcndet, aber die Bundesregierung unternimmt alles, was in ihrer Macht steht. Sprechen wir es aus: Wir sind in einem Energiekrieg. Die Strom- und Gasm\u00e4rkte funktionieren aufgrund der von Putin gewollten Knappheit nicht so, wie sie sollten, weil sie auf diese Ersch\u00fctterung nicht vorbereitet waren. Deshalb m\u00fcssen wir dieser Krise nun entschlossen und koordiniert begegnen.<\/p>\n<p><strong>Frage: <\/strong>Das hei\u00dft konkret?<\/p>\n<p><strong>Lindner: <\/strong>Vier Punkte sind mir besonders wichtig: Erstens m\u00fcssen Kohle- und Kernkraftwerke am Netz bleiben. Das mit viel Geld der Steuerzahler gekaufte und eingespeicherte Gas m\u00fcssen wir zweitens nach und nach in den Markt zur\u00fcckgeben. Wir m\u00fcssen auf europ\u00e4ischer Ebene drittens gemeinsam agieren, etwa, indem die Europ\u00e4ische Union koordiniert auf den Weltm\u00e4rkten einkauft. Und schlie\u00dflich m\u00fcssen wir zus\u00e4tzliche b\u00fcrokratische und weitere Belastungen stoppen.<\/p>\n<p><strong>Frage: <\/strong>Gehen wir einige dieser Punkte durch. Sie wollen, dass alle drei Kernkraftwerke, die noch in Betrieb sind, am Netz bleiben. Also auch das AKW Emsland, das Robert Habeck auf jeden Fall abschalten will.<\/p>\n<p><strong>Lindner: <\/strong>So ist es: Alle drei m\u00fcssen am Netz bleiben, sodass sie weiter Strom liefern. Das reduziert den Preis und verhindert Blackouts.<\/p>\n<p><strong>Frage: <\/strong>Das gibt aber doch schon wieder \u00c4rger in der Koalition.<\/p>\n<p><strong>Lindner: <\/strong>Es geht um Physik und nicht um Politik. Die Menschen w\u00e4ren ver\u00e4rgert, wenn wir anders entscheiden. Die St\u00e4dte sind ab 22 Uhr dunkel. Es wird diskutiert, Weihnachtsm\u00e4rkte nicht zu beleuchten. Hinzu kommen die Schwierigkeiten der franz\u00f6sischen Kernkraftwerke. Und dann wollen wir drei sichere und klimaneutrale deutsche AKW abschalten? Das kann man niemandem erkl\u00e4ren. Zumindest ich kann das nicht. Es geht dabei auch um etwas Grunds\u00e4tzliches: Wenn wir immer mehr Geld der Steuerzahler nutzen, um Hilfen zu bezahlen, m\u00fcssen wir gleichzeitig alles unternehmen, um die Belastung f\u00fcr die Steuerzahler zu reduzieren. Ich bin nicht gegen Entlastungen und Wirtschaftshilfen. Aber man kann nicht finanziell alles M\u00f6gliche fordern und zugleich nicht auch physikalisch alle M\u00f6glichkeiten aussch\u00f6pfen.<\/p>\n<p><strong>Frage: <\/strong>Wie lange sollen die drei AKW denn am Netz bleiben?<\/p>\n<p><strong>Lindner: <\/strong>So lange, bis die aktuelle Krise vorbei ist. Danach k\u00f6nnen sie vom Netz gehen.<\/p>\n<p><strong>Frage: <\/strong>Eine weitere Forderung von Ihnen ist, die Gasspeicher nach und nach zu leeren. Was genau schwebt Ihnen vor?<\/p>\n<p><strong>Lindner: <\/strong>Nicht leeren, aber Signale in den Markt senden. Es ist \u00f6konomisch sinnvoll, dem Markt Anteile des Speichervolumens zur Verf\u00fcgung zu stellen. Das reduziert die Preisspitzen.<\/p>\n<p><strong>Frage: <\/strong>Sie wollen auch, dass die EU koordiniert Gas f\u00fcr alle einkauft. Aber ist das angesichts der j\u00fcngsten Wahlergebnisse \u00fcberhaupt realistisch? Schweden ist nach rechts ger\u00fcckt, in Italien wird bald wohl eine Postfaschistin Ministerpr\u00e4sidentin.<\/p>\n<p><strong>Lindner: <\/strong>Man kann Dinge politisch bewerten, aber auf der anderen Seite gibt es auch \u00f6konomische und physikalische Realit\u00e4ten, an denen unabh\u00e4ngig vom Parteibuch niemand vorbeikommt.<\/p>\n<p><strong>Frage: <\/strong>Sie setzen also auf den Triumph der Physik \u00fcber den politischen Extremismus?<\/p>\n<p><strong>Lindner: <\/strong>Wir sollten zur\u00fcckhaltend sein, wenn wir \u00f6ffentlich \u00fcber die demokratischen Entscheidungen anderer EU-Mitglieder sprechen.<\/p>\n<p><strong>Frage: <\/strong>Die Bundesregierung plant, dass jeder B\u00fcrger einen bestimmten Stromverbrauch zu g\u00fcnstigeren Konditionen erh\u00e4lt. Bis wann sind die Details dieser Regelung klar?<\/p>\n<p><strong>Lindner: <\/strong>Da will ich dem Kollegen Robert Habeck keine \u00f6ffentlichen Fristen setzen. Aber die Regierung ist bem\u00fcht, schnellstm\u00f6glich zu einem Ergebnis zu kommen.<\/p>\n<p><strong>Frage: <\/strong>Sie und andere Koalitionspolitiker haben eine Gaspreisbremse vorgeschlagen, also ein Instrument, um neben dem Strom- auch den Gaspreis zu dr\u00fccken. Um wie viel soll der Preis sinken \u2013 und sollen davon alle B\u00fcrger und Unternehmen profitieren?<\/p>\n<p><strong>Lindner: <\/strong>Wir m\u00fcssen den drohenden Existenzverlust in den Wintermonaten dieses russischen Energiekriegs abwenden. Und das mit schnell wirksamen Ma\u00dfnahmen, um die ruin\u00f6sen Belastungsspitzen zu kappen. Momentan wird viel diskutiert \u2013 von Einmalzahlungen bis zu allerlei Hilfsprogrammen vom Handwerk bis zu den Krankenh\u00e4usern. Ich bezweifle, dass wir mit einzelnen Instrumenten die Bed\u00fcrftigen wirklich rechtzeitig erreichen.<\/p>\n<p><strong>Frage: <\/strong>Warum?<\/p>\n<p><strong>Lindner: <\/strong>Wir m\u00fcssen Tempo gewinnen und d\u00fcrfen keine Zeit mit Administration verlieren. Deshalb m\u00fcssen wir \u00fcber einen Weg nachdenken, wie wir vom Baf\u00f6g-Empf\u00e4nger \u00fcber den mittelst\u00e4ndischen Betrieb bis zur Rentnerin eine D\u00e4mpfung des Preisschocks erreichen.<\/p>\n<p><strong>Frage: <\/strong>\u00d6konomen kritisieren allerdings, ein Instrument f\u00fcr alle sei nicht zielgenau genug.<\/p>\n<p><strong>Lindner: <\/strong>F\u00fcr Alternativen bin ich offen. Es ist ein Segen, dass es eine hochrangige Gaskommission der Bundesregierung gibt, die sich damit befasst. In letzter Konsequenz geht es aber darum, unserer Volkswirtschaft einen Rettungsring zuzuwerfen. Und wer einen Rettungsring werfen muss, will vor allem das Ertrinken verhindern und nicht einen Eintrag im Lehrbuch.<\/p>\n<p><strong>Frage: <\/strong>Die entscheidende Frage ist aber, welche Preisentwicklung aus Sicht der Bundesregierung verkraftbar ist. Muss jeder mit einer Verdopplung der Preise selbst klarkommen?<\/p>\n<p><strong>Lindner: <\/strong>Jeder? Nein, individuelle soziale H\u00e4rten verhindern wir. Wir haben daf\u00fcr bereits drei Entlastungspakete in H\u00f6he von rund 100 Milliarden Euro auf den Weg gebracht. Dort sind zahlreiche Ma\u00dfnahmen enthalten, etwa der Abbau der kalten Progression, die Senkung der Mehrwertsteuer auf Gas, die Umwandlung von Hartz IV in ein B\u00fcrgergeld, das Wohngeld+ und ein Kostend\u00e4mpfungsprogramm f\u00fcr die Wirtschaft.<\/p>\n<p><strong>Frage: <\/strong>Die Frage war aber: Welches Preisplus muss jeder selbst tragen?<\/p>\n<p><strong>Lindner: <\/strong>Ein merkbares, leider. Denn wir m\u00fcssen alle Energie und Gas sparen. Der Preis ist das Signal. Aber es darf eben keine ruin\u00f6sen Belastungslawinen geben, denen man nicht ausweichen kann.<\/p>\n<p><strong>Frage: <\/strong>Der Kanzler verspricht regelm\u00e4\u00dfig \u201eYou\u2019ll never walk alone\u201c. Das klingt aus Sicht der B\u00fcrger eher nach dem Versprechen einer Vollkaskoversicherung. Was Sie skizzieren, h\u00f6rt sich jedoch mehr nach Teilkasko an.<\/p>\n<p><strong>Lindner: <\/strong>Den Energie- und Inflationsschock kann der Staat nur d\u00e4mpfen und abmildern, er kann ihn nicht wegzaubern. Wir werden uns nicht davon befreien k\u00f6nnen, wesentlich effizienter mit Energie umzugehen. Wir werden uns auch nicht davon befreien k\u00f6nnen, mit neuem Gr\u00fcndergeist, Einfallsreichtum, Leistungsfreude unseren Wirtschaftsstandort zu modernisieren. Die Zeiten, in denen Wachstumsdividenden nur von der Politik verteilt werden mussten, ist zu Ende.<\/p>\n<p><strong>Frage: <\/strong>Gaspreisbremse, Strompreisdeckel, Uniper-Verstaatlichung: Wie f\u00fchlt es sich f\u00fcr Sie als liberalen Finanzminister eigentlich an, so stark in den Markt einzugreifen?<\/p>\n<p><strong>Lindner: <\/strong>In normalen Zeiten rate ich zu Marktvertrauen, im Ausnahmezustand aber zu Entschlossenheit. Entweder der Staat h\u00e4lt sich aus dem Markt weitgehend raus, oder er greift hart, befristet und konsequent ein. Ich w\u00fcrde jetzt lieber \u00fcber die erfolgreiche Reprivatisierung der Lufthansa sprechen. Aber wir m\u00fcssen nun mal den Ukraine-Krieg bew\u00e4ltigen, mit all seinen wirtschaftlichen Folgen.<\/p>\n<p><strong>Frage: <\/strong>Immerhin ein liberales Anliegen wollen Sie nicht aufgeben: Trotz der hohen Staatsausgaben wollen Sie die Schuldenbremse 2023 wieder einhalten. Aber wie soll das angesichts all der Ausgaben \u2013 etwa f\u00fcr die Gaspreisbremse \u2013 funktionieren?<\/p>\n<p><strong>Lindner: <\/strong>Mir geht es darum, die finanzpolitische Stabilit\u00e4t unseres Landes zu erhalten. Die Geldentwertung f\u00fchrt zu steigenden Zinsen, auch f\u00fcr den Staat. Und wenn wir weiter uferlos Schulden f\u00fcr alles aufnehmen, m\u00fcssten wir schon in absehbarer Zukunft die Steuern erh\u00f6hen oder staatliche Ausgaben streichen.<\/p>\n<p><strong>Frage: <\/strong>Warum?<\/p>\n<p><strong>Lindner: <\/strong>Weil dann Einnahmen und Ausgaben allein aufgrund von Tilgung und Zinsen, die wir f\u00fcr die Kredite bezahlen m\u00fcssen, nicht mehr zusammenpassen. Die Schulden, die wir aufnehmen, sind ja kein Geschenk. Sie m\u00fcssen von den Steuerzahlern bedient werden. Wir leihen uns aus der Zukunft Handlungsf\u00e4higkeit \u2013 nur um heute Begehrlichkeiten nachzugeben. Diesen gef\u00e4hrlichen Mechanismus m\u00fcssen wir begrenzen.<\/p>\n<p><strong>Frage: <\/strong>Wie meinen Sie das?<\/p>\n<p><strong>Lindner: <\/strong>Es ist doch kein Geheimnis, dass der Staat w\u00e4hrend der Pandemie \u2013 als die Schuldenbremse au\u00dfer Kraft gesetzt war \u2013 nicht nur sinnvolle Corona-Ma\u00dfnahmen finanziert hat. Da wurde auch viel Geld f\u00fcr Dinge ausgegeben, die parteipolitisch w\u00fcnschenswert waren. Deshalb will ich einen Dammbruch verhindern.<\/p>\n<p><strong>Frage: <\/strong>Arbeitgeberpr\u00e4sident Rainer Dulger sagte unl\u00e4ngst, Austerit\u00e4t sei f\u00fcr die Unternehmen derzeit nicht das oberste Gebot der Stunde. Was ist Ihnen wichtiger: Die Schuldenbremse einzuhalten oder die Substanz der deutschen Wirtschaft zu retten?<\/p>\n<p><strong>Lindner: <\/strong>Das ist kein Widerspruch, denn die Inflation w\u00fcrde unser wirtschaftliches Fundament untersp\u00fclen. Deshalb m\u00fcssen wir eine Finanzpolitik, die die Inflation nicht anheizt, mit Ma\u00dfnahmen verbinden, die wirtschaftliche Substanz erhalten.<\/p>\n<p><strong>Frage: <\/strong>Das hei\u00dft konkret?<\/p>\n<p><strong>Lindner: <\/strong>Wir m\u00fcssen daf\u00fcr sorgen, dass gesunde Betriebe nicht insolvent werden. Denn das w\u00fcrde ja bedeuten, dass das Angebot sich verknappt \u2013 was wiederum zu weiter steigenden Preisen f\u00fchrte. Gleichzeitig kann man jetzt nicht die Nachfrage nach knappen G\u00fctern durch Subventionen befeuern. Das ginge in die Preise.<\/p>\n<p><strong>Frage: <\/strong>Ist das jetzt doch ein Pl\u00e4doyer f\u00fcr zus\u00e4tzliche Hilfen f\u00fcr die Wirtschaft jenseits von Strom- und Gaspreisbremse?<\/p>\n<p><strong>Lindner: <\/strong>Je wirksamer die Strom- und Gaspreisbremse sind, desto weniger zus\u00e4tzliche Programme brauchen wir.<\/p>\n<p><strong>Frage: <\/strong>Wahrscheinlich rutschen wir bald in eine Rezession. Im Unterschied zu fr\u00fcher wird es aber aller Voraussicht nach weiter Vollbesch\u00e4ftigung geben. Sinkt dadurch nicht das Bewusstsein, dass wir in einer schweren Krise sind?<\/p>\n<p><strong>Lindner: <\/strong>Es stimmt: Die wirtschaftliche Krise wird hoffentlich am Arbeitsmarkt nicht so deutlich zutage treten wie fr\u00fcher. Das aber hei\u00dft auch: Der Fachkr\u00e4ftemangel selbst ist ein Risiko, das die wirtschaftliche Erholung erschwert. Selbst da, wo es ginge, k\u00f6nnen wir das Angebot nicht ausweiten und Wachstumschancen nicht nutzen.<\/p>\n<p><strong>Frage: <\/strong>Anders ausgedr\u00fcckt: Wir werden alle \u00e4rmer.<\/p>\n<p><strong>Lindner: <\/strong>Nein, wir m\u00fcssen handeln. Bezogen auf den letzten Aspekt zum Beispiel durch erleichterte Einwanderung der flei\u00dfigen H\u00e4nde und klugen K\u00f6pfe, die wir brauchen. Wir werden unseren Wohlstand insgesamt und in allen Fragen neu begr\u00fcnden m\u00fcssen. Die Zeit der Verteilung eines einmal erwirtschafteten und wachsenden Wohlstands ist vorbei. Wir m\u00fcssen das Gesch\u00e4ftsmodell Deutschlands erneuern, indem wir neue Quellen des Wachstums erschlie\u00dfen. Und wir m\u00fcssen die Aufstiegschancen f\u00fcr all jene verbessern, die mit ihrer Lebensqualit\u00e4t noch nicht zufrieden sind.<\/p>\n<p><strong>Frage: <\/strong>Wie kann denn dieses neue Gesch\u00e4ftsmodell Deutschland aussehen?<\/p>\n<p><strong>Lindner: <\/strong>Diese Antwort findet die Marktwirtschaft besser als die Politik, wenn wir sie von ihren Fesseln befreien. Fr\u00fcher war die D-Mark die Produktivit\u00e4tspeitsche der deutschen Wirtschaft. Weil die W\u00e4hrung so stark war und unsere Produkte im Ausland dadurch so teuer, mussten die Firmen immer besser sein als andere. Heute zwingen uns die hohen Energiepreise dazu, produktiver zu werden. Darin liegt aber auch eine Chance: Wir m\u00fcssen k\u00fcnftig sauberere Technologien entwickeln, auf die wir hier in Deutschland setzen, die wir dann aber auch in die Welt exportieren k\u00f6nnen.<\/p>\n<p><strong>Frage: <\/strong>Vielleicht wird Energie aber auch wieder g\u00fcnstiger. Oder glauben Sie, dass durch Nord Stream 1 nie mehr Gas flie\u00dft?<\/p>\n<p><strong>Lindner: <\/strong>Im Verlauf der Geschichte kann man nie etwas ausschlie\u00dfen. Deutschland als Nation, die Menschheitsverbrechen zu verantworten hatte, ist wieder in den Kreis der Demokratien aufgenommen worden. Wir sollten uns heute aber lieber mit der Frage besch\u00e4ftigen, wie wir sicherstellen, dass die Ukraine diesen Krieg gewinnt.<\/p>\n<p><strong>Frage: <\/strong>Das klingt wenig zuversichtlich.<\/p>\n<p><strong>Lindner: <\/strong>Wir sind in einer Kriegssituation, in der jeden Tag Menschen in der Ukraine sterben. Das muss enden. Die Ukraine muss diesen Krieg als souver\u00e4ner Staat gewinnen. Erst danach wird die Ukraine \u00fcber weitere Schritte nachdenken. Ihre Partner werden sie dabei begleiten.<\/p>\n<p><strong>Frage: <\/strong>Tun wir in Deutschland denn genug daf\u00fcr, damit die Ukraine dazu die Chance hat?<\/p>\n<p><strong>Lindner: <\/strong>Wir m\u00fcssen jeden Tag pr\u00fcfen, ob wir noch mehr tun k\u00f6nnen. In milit\u00e4rischer Hinsicht leisten wir bereits au\u00dferordentlich viel, vor allem bei der Artillerie.<\/p>\n<p><strong>Frage: <\/strong>Ein gro\u00dfer Streitpunkt der vergangenen Wochen war die Frage, ob wir Kampfpanzer vom Typ Leopard 2 an die Ukraine liefern sollen. Sind Sie daf\u00fcr oder dagegen?<\/p>\n<p><strong>Lindner: <\/strong>Ich bin daf\u00fcr, dass wir jeden Schritt mit unseren Verb\u00fcndeten und Freunden abstimmen. Nach meiner Kenntnis setzen gegenw\u00e4rtig alle Staaten auf den Ringtausch. Dabei wird Ger\u00e4t westlicher Bauart unseren Partnern in Osteuropa zur Verf\u00fcgung gestellt, damit diese Waffen sowjetischen Typs an die Ukraine liefern k\u00f6nnen.<\/p>\n<\/div>\n","protected":false},"excerpt":{"rendered":"<p>Der FDP-Bundesvorsitzende und Bundesminister der Finanzen Christian Lindner gab \u201et-online\u201c das folgende Interview. 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