{"id":8215,"date":"2022-12-04T08:54:08","date_gmt":"2022-12-04T07:54:08","guid":{"rendered":"https:\/\/fdp-aktiv.de\/blog\/?p=8215"},"modified":"2022-12-04T08:54:08","modified_gmt":"2022-12-04T07:54:08","slug":"lindner-interview-der-erfolg-der-fdp-ergibt-sich-daraus-ergebnisse-zu-erzielen","status":"publish","type":"post","link":"https:\/\/fdp-aktiv.de\/blog\/2022\/12\/04\/lindner-interview-der-erfolg-der-fdp-ergibt-sich-daraus-ergebnisse-zu-erzielen\/","title":{"rendered":"LINDNER-Interview: Der Erfolg der FDP ergibt sich daraus, Ergebnisse zu erzielen."},"content":{"rendered":"<p>Der FDP-Bundesvorsitzende und Bundesminister der Finanzen Christian Lindner gab dem Focus-Magazin das folgende Interview. Die Fragen stellten Felix Heck und Thomas Tuma:<\/p>\n<figure id=\"attachment_1558\" aria-describedby=\"caption-attachment-1558\" style=\"width: 652px\" class=\"wp-caption aligncenter\"><a href=\"https:\/\/fdp-aktiv.de\/blog\/wp-content\/uploads\/2021\/06\/11-lindner-christian.jpg\"><img loading=\"lazy\" decoding=\"async\" class=\"size-full wp-image-1558\" src=\"https:\/\/fdp-aktiv.de\/blog\/wp-content\/uploads\/2021\/06\/11-lindner-christian.jpg\" alt=\"Christian Lindner, FDP\" width=\"652\" height=\"368\" srcset=\"https:\/\/fdp-aktiv.de\/blog\/wp-content\/uploads\/2021\/06\/11-lindner-christian.jpg 652w, https:\/\/fdp-aktiv.de\/blog\/wp-content\/uploads\/2021\/06\/11-lindner-christian-300x169.jpg 300w\" sizes=\"auto, (max-width: 652px) 100vw, 652px\" \/><\/a><figcaption id=\"caption-attachment-1558\" class=\"wp-caption-text\">Christian Lindner, FDP<\/figcaption><\/figure>\n<p><strong>Frage:\u00a0<\/strong>Herr Lindner, vor einem Jahr nahm die Ampel Gestalt an \u2013 mit einer Art Honeymoon-Selfie, das Ihr FDP-Parteifreund Volker Wissing von Ihnen beiden und dem Gr\u00fcnen-Paar Annalena Baerbock und Robert Habeck schoss. Erinnern Sie sich noch, wie das zustande kam?<\/p>\n<p><strong>Lindner:<\/strong>\u00a0Das haben wir nach einem abendlichen Gedankenaustausch gemacht.<\/p>\n<p><strong>Frage:\u00a0<\/strong>Und wer sagte dann \u201eHey, lass uns mal ein Selfie f\u00fcr Instagram machen\u201c?<\/p>\n<p><strong>Lindner:\u00a0<\/strong>Vermutlich Robert Habeck. Mein Gef\u00fchl ist nicht, dass der Abend erst ein Jahr her ist. Es f\u00fchlt sich an wie Jahre. Die verschachtelten Krisen haben alle Leichtigkeit \u00fcberrollt.<\/p>\n<p><strong>Frage:\u00a0<\/strong>Sind Ihnen die Gr\u00fcnen in diesem Jahr n\u00e4hergekommen oder noch fremder geworden?<\/p>\n<p><strong>Lindner:\u00a0<\/strong>Wir arbeiten im Kabinett kollegial zusammen\u2009\u2026<\/p>\n<p><strong>Frage:\u00a0<\/strong>Hmm\u2009\u2026<\/p>\n<p><strong>Lindner:\u00a0<\/strong>\u2026\u2009und kennen jetzt die Unterschiede der jeweils anderen Seite noch besser. Ich verstehe heute eher, weshalb die Gr\u00fcnen manches ablehnen und anderes wollen. Daraus lassen sich Schl\u00fcsse ziehen.<\/p>\n<p><strong>Frage:\u00a0<\/strong>Worauf?<\/p>\n<p><strong>Lindner:\u00a0<\/strong>Welche Punkte wem warum mehr oder weniger wichtig sind und wie man damit umgeht.<\/p>\n<p><strong>Frage:\u00a0<\/strong>Ein Beispiel bitte.<\/p>\n<p><strong>Lindner:\u00a0<\/strong>Mir war wichtig, dass wir f\u00fcr diesen Winter alle Kapazit\u00e4ten der Energieerzeugung am Netz haben. Also Kohle und Kernenergie. Das ist f\u00fcr die Gr\u00fcnen nat\u00fcrlich eine Frage der politischen Identit\u00e4t, vor allem bei der Kernenergie. Deshalb war es kein Selbstl\u00e4ufer, aber im Interesse des Landes haben wir das erreicht.<\/p>\n<p><strong>Frage:\u00a0<\/strong>Wieso haben ausgerechnet Sie und Habeck sich so ineinander verhakt?<\/p>\n<p><strong>Lindner:\u00a0<\/strong>Das sind Medien-Narrative.<\/p>\n<p><strong>Frage:\u00a0<\/strong>Politik wird von Menschen gemacht.<\/p>\n<p><strong>Lindner:\u00a0<\/strong>Und?<\/p>\n<p><strong>Frage:\u00a0<\/strong>Da ist Krach programmiert wie im Fall um die Laufzeitverl\u00e4ngerungen der letzten drei Atomkraftwerke, die Habeck seiner Partei schlicht nicht vermitteln konnte.<\/p>\n<p><strong>Lindner:\u00a0<\/strong>Deshalb hat am Ende der Bundeskanzler durch die Richtlinienkompetenz diesen Konflikt gel\u00f6st.<\/p>\n<p><strong>Frage:\u00a0<\/strong>Was machen Amt, Aufgabe und \u00f6ffentlicher Druck in solchen Kriegs- und Krisenzeiten mit Ihnen \u2013 k\u00f6rperlich und seelisch?<\/p>\n<p><strong>Lindner:\u00a0<\/strong>Es ist in jeder Hinsicht fordernd. Physisch, seelisch und intellektuell. Die zeitliche Inanspruchnahme ist fast grenzenlos und die Tragweite der Entscheidungen enorm. Als Finanzminister kann ich es zudem kraft Natur der Sache niemandem recht machen, denn die Ressourcen sind nun mal endlich. Also ist st\u00e4ndige Kritik mein Begleiter.<\/p>\n<p><strong>Frage:<\/strong>\u00a0F\u00fchrungskr\u00e4fte sollen heute lernen, Fehler zuzugeben, sagen Coaches. Warum kommt derlei f\u00fcr Sie nicht infrage?<\/p>\n<p><strong>Lindner:\u00a0<\/strong>Das stellen Sie so einfach fest. Ich habe aber mit meiner eigenen Fehlbarkeit kein Problem. Im Gegenteil, ich muss viele Entscheidungen in Zeiten wirtschaftlicher Unsicherheit treffen und denke oft: Hast du das richtig gemacht? W\u00e4re es anders besser gewesen?<\/p>\n<p><strong>Frage:\u00a0<\/strong>Mal ehrlich: Ist in der Politik nicht erledigt, wer Scheitern zum Thema macht?<\/p>\n<p><strong>Lindner:\u00a0<\/strong>Das finde ich nicht. Wer Scheitern ausschlie\u00dfen will, darf nichts tun. Umgekehrt ist der Preis f\u00fcr Ver\u00e4nderung und den Versuch des Fortschritts, dass man falschliegen kann. Auch meine Partei hat aus dem Scheitern 2013, als wir aus dem Bundestag geflogen sind, mehr gelernt als aus Wahltriumphen. Mir geht es genauso.<\/p>\n<p><strong>Frage:\u00a0<\/strong>Wie viele Stunden Schlaf brauchen Sie, wie viele haben Sie?<\/p>\n<p><strong>Lindner:\u00a0<\/strong>Ich versuche, nicht unter sechs zu rutschen. Sonst wird es anstrengend.<\/p>\n<p><strong>Frage:\u00a0<\/strong>Wie halten Sie sich fit?<\/p>\n<p><strong>Lindner:\u00a0<\/strong>Laufband, Stepper, Rudermaschine.<\/p>\n<p><strong>Frage:\u00a0<\/strong>Also eher Ausdauer als Kraft?<\/p>\n<p><strong>Lindner:\u00a0<\/strong>Das ist zumindest die Basis. Hier im Ministerium gibt es eine Sportgemeinschaft, in der ich Mitglied bin. Die hat ein Laufband, das ich gelegentlich\u00a0als Mittagspause nutze. Dabei\u00a0streame ich dann eine Serie.<\/p>\n<p><strong>Frage:\u00a0<\/strong>Welche Serie hilft f\u00fcrs Politikerleben? \u201eHouse of Cards\u201c?<\/p>\n<p><strong>Lindner:\u00a0<\/strong>Weniger. Die Abgr\u00fcnde des Menschen lernt man vielleicht bei \u201eGame of Thrones\u201c kennen. Was das Gute im Menschen angeht und den Wert von Teamwork, empfehle ich \u201eStar Trek\u201c.<\/p>\n<p><strong>Frage:\u00a0<\/strong>Gab\u2019s Ampelmomente, die Sie an die eigenen Grenzen gebracht haben?<\/p>\n<p><strong>Lindner:\u00a0<\/strong>In diesen Zeiten werden wir jeden Tag mit den eigenen Grenzen konfrontiert. Und jeden Tag werden diese Grenzen getestet und neu definiert.<\/p>\n<p><strong>Frage:\u00a0<\/strong>Der Ukraine-Krieg hat die Priorit\u00e4ten der Politik verschoben. K\u00f6nnen Sie 2023 mit klassischen FDP-Themen wie Digitalisierung, Bildung, Entb\u00fcrokratisierung durchstarten?<\/p>\n<p><strong>Lindner:\u00a0<\/strong>Ich halte die nicht f\u00fcr FDP-Themen, sondern f\u00fcr die wesentlichen Projekte unseres Landes. Deutschland steht sich oft im Weg. Das m\u00fcssen wir \u00e4ndern. Der Energiekrieg, man muss das so nennen, zwingt uns, bei der Erneuerung des Landes noch mehr Tempo zu machen. Unsere Wettbewerbsf\u00e4higkeit ist infrage gestellt \u2013 damit auch soziale Sicherheit und Wirtschaftskraft. Die L\u00f6sung kann nur sein, in kluge K\u00f6pfe zu investieren, die Digitalisierung voranzutreiben und mit schnellen Planungsverfahren neue Infrastruktur und saubere Technologie anzuschieben.<\/p>\n<p><strong>Frage:\u00a0<\/strong>Es gibt einen wachsenden Vertrauensverlust gegen\u00fcber den Parteien, aber auch gegen\u00fcber Marktwirtschaft und Demokratie an sich. Wie l\u00e4sst sich das wieder verbessern?<\/p>\n<p><strong>Lindner:\u00a0<\/strong>Es gibt Fliehkr\u00e4fte, klar. Vertrauen in liberale Wirtschaftsordnung und Demokratie w\u00e4chst, wenn wir die Probleme des Landes und der Menschen l\u00f6sen. Man muss auch das Gerechtigkeitsgef\u00fchl ernst nehmen. Beispielsweise war es daf\u00fcr wichtig, dass nicht nur die Regels\u00e4tze der Grundsicherung an die Inflation angepasst werden, sondern auch das Steuersystem f\u00fcr die arbeitende Bev\u00f6lkerung. Die Verhinderung der kalten Progression war mit gut 19 Milliarden Euro kommendes Jahr teuer, aber zugleich war das eine Investition in Leistungsgerechtigkeit und das Gef\u00fchl, dass es fair zugeht. Das Wichtigste f\u00fcr die Politik ist: Aus dem, was man gesagt hat, und dem, was man dann tut, darf kein Gegensatz werden\u2009\u2026<\/p>\n<p><strong>Frage:\u00a0<\/strong>\u2026\u2009wobei alle drei Koalitionspartner inzwischen viele fr\u00fchere \u00dcberzeugungen \u00fcber Bord geworfen haben. Auch die FDP. Auch Sie.<\/p>\n<p><strong>Lindner:\u00a0<\/strong>Das w\u00fcrde ich nicht sagen. Die Gr\u00fcnen wollen weiter Klimaschutz, auch wenn sie in der Energiekrise die Kohlekraft verl\u00e4ngert nutzen. Die Freien Demokraten\u00a0wollen weiter nachhaltige Staatsfinanzen,\u00a0auch wenn ich momentan hohe Schulden\u00a0f\u00fcr die Krisenreaktion mache.\u00a0Man muss zwischen \u00dcberzeugungen und dem unterscheiden, was die Krise jetzt verlangt. Es w\u00e4re nicht nur Ideologie, sondern auch \u00f6konomisch unsinnig, wenn ich mich als Finanzminister notwendigen Entlastungen verweigern w\u00fcrde, nur weil das FDP-Wahlprogramm 2020 diese Lage nicht vorhersehen konnte. Wir k\u00f6nnen die Menschen mit ihren wirtschaftlichen Sorgen nicht alleinlassen.<\/p>\n<p><strong>Frage:\u00a0<\/strong>Daf\u00fcr gibt\u2019s Scholz\u2019 \u201eDoppel-Wumms\u201c.<\/p>\n<p><strong>Lindner:\u00a0<\/strong>Ja. Auf die 200 Milliarden Euro zus\u00e4tzliche Schulden bin ich gewiss nicht stolz. Aber sie sind f\u00fcr die Strom- und Gaspreisbremse n\u00f6tig. Wir w\u00fcrden sonst das aufs Spiel setzen, was dieses Land sich \u00fcber Jahrzehnte erarbeitet hat.<\/p>\n<p><strong>Frage:\u00a0<\/strong>Trotz Chaos in allen drei Ampelparteien strafen die W\u00e4hler bislang vor allem die FDP ab. Ihre Antwort: Durchregieren bis 2025, koste es, was es wolle?<\/p>\n<p><strong>Lindner:\u00a0<\/strong>Wir tun unser Bestes, um unser Land gut durch die Krise zu f\u00fchren und unsere Modernisierungsprojekte umzusetzen. Ich bin \u00fcberzeugt, dass der Erfolg der FDP sich daraus ergibt, Ergebnisse zu erzielen. Die Aktienrente, digitale Verwaltung, mehr Raum f\u00fcr B\u00fcrgerrechte und Selbstbestimmung, die Erneuerung des sozialen Aufstiegsversprechens und die St\u00e4rkung der Wirtschaft.<\/p>\n<p><strong>Frage:\u00a0<\/strong>Wie ver\u00e4ndert Sie das Ministeramt?<\/p>\n<p><strong>Lindner:\u00a0<\/strong>Mein Regierungsamt lehrt mich trotz des gro\u00dfen Einflusses vor allem Demut, weil oft eine Restunsicherheit bleibt: Wie sieht das Br\u00fcssel? Was meinen die Kapitalm\u00e4rkte? Wo stehen die Koalitionspartner? Mut zur Entscheidung hatte ich schon, die wachsende Demut bringt die Seele in Balance.<\/p>\n<p><strong>Frage:\u00a0<\/strong>Warum sind Sie lieber Finanzminister als Parteichef?<\/p>\n<p><strong>Lindner:\u00a0<\/strong>Bin ich das? W\u00fcrde ich nicht sagen.<\/p>\n<p><strong>Frage:\u00a0<\/strong>Sondern?<\/p>\n<p><strong>Lindner:\u00a0<\/strong>Es sind zwei verschiedene Aufgaben. Ich bin leidenschaftliches Parteimitglied und f\u00fchle mich mit dem Laden nahezu famili\u00e4r verbunden. Mein ganzes Lebensgef\u00fchl wird da ausgedr\u00fcckt, der Wunsch nach Selbstbestimmung, Neugier, Einsatzbereitschaft. Mein Staatsamt ist aber eine faszinierende Gestaltungsaufgabe. Erst durch eine solche Funktion kann man ja aus politischen Ideen eine Realit\u00e4t werden lassen.<\/p>\n<p><strong>Frage:\u00a0<\/strong>Wie w\u00fcrden Sie Ihr Verh\u00e4ltnis zu Wolfgang Kubicki beschreiben?<\/p>\n<p><strong>Lindner:\u00a0<\/strong>Warum fragen Sie?<\/p>\n<p><strong>Frage:<\/strong>\u00a0Weil er sich gern als Ein-Mann-Opposition zur eigenen Regierung inszeniert und dabei durchaus eine Fanbase hat.<\/p>\n<p><strong>Lindner:\u00a0<\/strong>Wolfgang ist mein Freund. Er hat einen eigenen Kopf, und mit dem will er manchmal sogar durch eine Wand. So ist er! Die FDP hat gottlob eine gro\u00dfe Bandbreite an Pers\u00f6nlichkeiten. Wir sind ein Verein von Individualistinnen und Individualisten. Das macht den Charme aus.<\/p>\n<p><strong>Frage:\u00a0<\/strong>Vor wenigen Monaten sah es noch so aus, als w\u00fcrden Inflation und Energiepreis-Kapriolen die Wirtschaft der Republik nachhaltig sch\u00e4digen. Nun gehen die Gaspreise runter, die Wirtschaft wuchs zuletzt sogar. Waren wir alle zu hysterisch?<\/p>\n<p><strong>Lindner:\u00a0<\/strong>Wenn sich die wirtschaftliche Entwicklung nachhaltig aufhellen sollte, bin ich der Erste, der sich dar\u00fcber freut. Umgekehrt ist die aktuelle Situation so fragil, dass wir vorbereitet sein m\u00fcssen. Daf\u00fcr gibt es etwa die Strom- und Gaspreisbremse. Und wir d\u00fcrfen die B\u00fcrgerinnen und B\u00fcrger sowie die Betriebe nicht mit zus\u00e4tzlichen Steuern oder b\u00fcrokratischen Hemmnissen belasten. Nur so k\u00f6nnen wir bis 2024 eine neue Normalit\u00e4t erreichen.<\/p>\n<p><strong>Frage:\u00a0<\/strong>Im Ausland gibt\u2019s durchaus Lob f\u00fcr Ihre Tapferkeit, die Schuldenbremse zu verteidigen. Gilt der Prophet im eigenen Land nichts?<\/p>\n<p><strong>Lindner:\u00a0<\/strong>Es gibt zwei Formen der Kritik an meinen politischen Entscheidungen. Erstens wird zumeist von links kritisiert, dass ich einen Staat anstrebe, der nur das verteilt, was vorher erwirtschaftet wurde. Ich glaube, dass die steigenden Zinsen uns an die Grenzen dessen f\u00fchren, was sich \u00fcber Schulden finanzieren l\u00e4sst. Mein Standpunkt ist da glasklar: Das Gros der Investitionen, etwa in Dekarbonisierung und Digitalisierung, sollte privaten Charakter haben. Wir m\u00fcssen Rahmenbedingungen schaffen, damit die Wirtschaft von sich aus t\u00e4tig wird. Was wir dann noch an \u00f6ffentlichem Geld ben\u00f6tigen, k\u00f6nnen wir auch mit der Schuldenbremse finanzieren<\/p>\n<p><strong>Frage:\u00a0<\/strong>Andere Kritiker finden, dass all die aktuellen Schattenhaushalte und Sonderfonds Ihr Ziel untergraben.<\/p>\n<p><strong>Lindner:\u00a0<\/strong>Genau. Das ist die andere Seite der Kritik.\u00a0Nat\u00fcrlich bin ich in einem Dilemma. Nat\u00fcrlich habe ich lange abgewogen, welche Strategie zur Konsolidierung des Staatshaushaltes ich einschlage. Und nat\u00fcrlich muss ich mit Kritik umgehen, die man nicht einfach mit Selbstgewissheit vom Tisch wischen sollte. Ich bin aber \u00fcberzeugt, dass dieser Weg zum Ziel f\u00fchrt. Ich trenne bewusst die krisengetriebenen Ausgaben von den regul\u00e4ren politischen Vorhaben im Bundeshaushalt. So vermeide ich, dass am Ende alles M\u00f6gliche mit Krisenkrediten finanziert wird.<\/p>\n<p><strong>Frage:\u00a0<\/strong>Schulden bleiben Schulden und m\u00fcssen irgendwann zur\u00fcckgezahlt werden.<\/p>\n<p><strong>Lindner:\u00a0<\/strong>Ja. Aber ich kenne niemanden, der die Erleichterungen bei Strom und Gas infrage stellt. Den Vorschl\u00e4gen der Wirtschaftsweisen, das mit massiven Steuererh\u00f6hungen zu finanzieren, wollte ich nicht folgen. Wir sind ein Land mit h\u00f6chsten Steuern, wir haben privaten Investitionsbedarf und Rezessionsgefahren. Steuererh\u00f6hungen w\u00e4ren ein brandgef\u00e4hrliches Experiment. Das schlie\u00dfe ich aus. Bei der n\u00e4chsten Bundestagswahl k\u00f6nnen die B\u00fcrgerinnen und B\u00fcrger \u00fcber meine Politik urteilen.<\/p>\n<p><strong>Frage:\u00a0<\/strong>Wann haben Sie das letzte Mal an Politik als Beruf gezweifelt?<\/p>\n<p><strong>Lindner:\u00a0<\/strong>Ich bin mit gro\u00dfer Leidenschaft Politiker und mit 43 alles andere als amtsm\u00fcde. Was mir aber wichtig ist: Ich habe inzwischen eine gro\u00dfe innere Unabh\u00e4ngigkeit vom tagespolitischen Auf und Ab. Karrierem\u00e4\u00dfig habe ich alles erreicht in der Politik. Mein Ehrgeiz richtet sich daher nicht auf \u00c4mter, sondern darauf, in den \u00c4mtern, die ich innehabe, Gutes zu bewirken.<\/p>\n<p><strong>Frage:\u00a0<\/strong>Gibt es ein Ziel, dass Ihnen besonders wichtig ist?<\/p>\n<p><strong>Lindner:\u00a0<\/strong>Ich habe den Ehrgeiz, dass wir am Ende meiner Zeit als Finanzminister mit der \u00f6ffentlichen Verschuldung wieder deutlich besser dastehen als heute. Das Maastricht-Ziel gibt eine maximale Verschuldungsquote von 60 Prozent vor, bezogen auf das Bruttoinlandsprodukt. Wir stehen aktuell leider bei rund 70, verursacht durch Pandemie und Energiekrise.<\/p>\n<p><strong>Frage:\u00a0<\/strong>Da gibt\u2019s in Europa deutlich schlechter aufgestellte L\u00e4nder.<\/p>\n<p><strong>Lindner:\u00a0<\/strong>Absolut. Aber ich habe ja \u00fcber meinen Ehrgeiz gesprochen.<\/p>\n<p><strong>Frage:\u00a0<\/strong>Im Sommer haben Sie auf Sylt die TV-Journalistin Franca Lehfeldt geheiratet unter gro\u00dfem Medien-Bohei. W\u00fcrden Sie das Event aus heutiger Sicht anders gestalten?<\/p>\n<p><strong>Lindner:\u00a0<\/strong>Das war kein Event, sondern ein privates Lebensereignis.<\/p>\n<p><strong>Frage:\u00a0<\/strong>Na ja, ein bisschen stiller h\u00e4tte man das schon organisieren k\u00f6nnen, oder?<\/p>\n<p><strong>Lindner:\u00a0<\/strong>Als Politiker muss man wohl hinnehmen, dass einem selbst f\u00fcr die eigene Hochzeit von Journalisten Zensuren erteilt werden.<\/p>\n<p><strong>Frage:\u00a0<\/strong>Ist nicht alles Private politisch, wie ein alter Sponti-Spruch behauptet?<\/p>\n<p><strong>Lindner:\u00a0<\/strong>Eben nicht.<\/p>\n<p><strong>Frage:\u00a0<\/strong>Sie sind ein prominentes Ehepaar. Wenn sich tats\u00e4chlich ein Kind ank\u00fcndigen sollte: M\u00fcssten Sie dann gemeinsam eine Medien-Choreografie entwickeln?<\/p>\n<p><strong>Lindner:\u00a0<\/strong>Wir haben es uns zum Prinzip gemacht, keine Paar-PR zu machen.<\/p>\n<p><strong>Frage:<\/strong>\u00a0Sie sind beide keine Kirchenmitglieder mehr, haben sich aber kirchlich trauen lassen. \u00dcberlegen Sie wirklich eine R\u00fcckkehr in den Scho\u00df der Kirche?<\/p>\n<p><strong>Lindner:\u00a0<\/strong>Wer wie ich mit 18 Jahren aus der katholischen Kirche austritt, verabschiedet sich nicht automatisch von jeder Form von Spiritualit\u00e4t. Ich habe meinen Amtseid als Bundesfinanzminister ja auch mit Gottesbezug geleistet. In meiner Familie gibt es \u00fcbrigens fast nur protestantische Linien.<\/p>\n<p><strong>Frage:\u00a0<\/strong>Wollen Sie zur evangelischen Kirche konvertieren?<\/p>\n<p><strong>Lindner:\u00a0<\/strong>Das ist nichts f\u00fcr die \u00d6ffentlichkeit.<\/p>\n<p><strong>Frage:\u00a0<\/strong>K\u00fcrzlich erkl\u00e4rten Sie, wie Sie sich Care-Arbeit als Vater vorstellen: promovieren, Buch schreiben, jagen, fischen, imkern. Wieso l\u00e4uft ein Medienprofi wie Sie noch in solche Fallen?<\/p>\n<p><strong>Lindner:\u00a0<\/strong>Das stimmt schlicht nicht. Das war n\u00e4mlich kein Zitat von mir, sondern ein Absatz in einem Portr\u00e4t \u00fcber mich, in dem der Autor diese Aufz\u00e4hlung machte\u2009\u2026<\/p>\n<p><strong>Frage:\u00a0<\/strong>\u2026\u2009die in indirekter Rede auf Sie als Urheber hinwies.<\/p>\n<p><strong>Lindner:\u00a0<\/strong>Jetzt sollten Sie mal Fehlerkultur praktizieren. Der Autor selbst hat mich auf Twitter gegen missg\u00fcnstige Interpretation verteidigt. Das haben Sie wohl \u00fcbersehen. Er hat schlicht meine privaten Interessen in einem Absatz mit der Verabredung verbunden, die ich mit meiner Frau habe. Jetzt nimmt sie R\u00fccksichten, irgendwann bin ich dran.<\/p>\n<p><strong>Frage:\u00a0<\/strong>Wie stellen Sie sich ein Leben nach der Politik vor?<\/p>\n<p><strong>Lindner:\u00a0<\/strong>In der Politik bleibe ich sicher noch l\u00e4nger. Aber wenn ich aus der Spitzenpolitik als Regierungsmitglied und Parteivorsitzender ausscheide, dann kann meine Frau sich st\u00e4rker auf ihre Karriere konzentrieren. Sie ist im ersten Drittel, ich bin schon im mittleren Drittel meiner Karriere.<\/p>\n<p><strong>Frage:\u00a0<\/strong>Ist Politik eine Droge?<\/p>\n<p><strong>Lindner:\u00a0<\/strong>Nein.<\/p>\n<p><strong>Frage:\u00a0<\/strong>Das hei\u00dft, Sie m\u00fcssen sich auch nicht entw\u00f6hnen, wenn\u2019s mal vorbei ist?<\/p>\n<p><strong>Lindner:\u00a0<\/strong>Ich habe weiterhin den Ehrgeiz, Dinge voranzutreiben.<\/p>\n<p><strong>Frage:\u00a0<\/strong>Sie besitzen unter anderem Angel-, Boots- und Jagdschein sowie sogar eine Rennfahrerlizenz. Was haben Sie sich als N\u00e4chstes vorgenommen?<\/p>\n<p><strong>Lindner:\u00a0<\/strong>Beim Kochen k\u00f6nnte ich zulegen.<\/p>\n<p><strong>Frage:<\/strong>\u00a0Da gibt\u2019s zumindest keine amtliche Pr\u00fcfung.<\/p>\n<p><strong>Lindner:\u00a0<\/strong>Davon w\u00e4re ich auch weit entfernt. Sicherer im Sattel zu sitzen beim Reiten, das w\u00e4re auch noch ein Ziel.<\/p>\n<p><strong>Frage:\u00a0<\/strong>Kriegt man nicht auf Ponyh\u00f6fen das \u201ekleine Hufeisen\u201c?<\/p>\n<p><strong>Lindner:\u00a0<\/strong>Das \u201ekleine Reitabzeichen\u201c f\u00fcr die Erwachsenen klingt \u00e4hnlich niedlich, ist aber eine gro\u00dfe Herausforderung. Seit ich Minister wurde, bin ich kaum einmal auf ein Pferd gekommen.<\/p>\n<p><strong>Frage:\u00a0<\/strong>Warum auch noch reiten?<\/p>\n<p><strong>Lindner:\u00a0<\/strong>Ich liebe Natur. Und das Reiten hat dazu etwas Therapeutisches. Ein Pferd ist ein gro\u00dfes Wesen, mit dem man sich synchronisieren muss.<\/p>\n<p><strong>Frage:<\/strong>\u00a0Klingt wie eine Ampelkoalition.<\/p>\n<p><strong>Lindner:\u00a0<\/strong>Jedenfalls ist es nicht wie Autofahren. Ein Pferd hat einen eigenen Willen und eine eigene Seele. Es merkt, ob du mit dir im Reinen bist oder nicht. Und das gibt es dir zur\u00fcck<\/p>\n","protected":false},"excerpt":{"rendered":"<p>Der FDP-Bundesvorsitzende und Bundesminister der Finanzen Christian Lindner gab dem Focus-Magazin das folgende Interview. 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