{"id":8747,"date":"2023-01-01T10:03:56","date_gmt":"2023-01-01T09:03:56","guid":{"rendered":"https:\/\/fdp-aktiv.de\/blog\/?p=8747"},"modified":"2023-01-01T10:03:56","modified_gmt":"2023-01-01T09:03:56","slug":"buschmann-gastbeitrag-wir-muessen-unsere-debattenkultur-schuetzen","status":"publish","type":"post","link":"https:\/\/fdp-aktiv.de\/blog\/2023\/01\/01\/buschmann-gastbeitrag-wir-muessen-unsere-debattenkultur-schuetzen\/","title":{"rendered":"BUSCHMANN-Gastbeitrag: Wir m\u00fcssen unsere Debattenkultur sch\u00fctzen"},"content":{"rendered":"<div class=\"clearfix text-formatted field field--name-body field--type-text-with-summary field--label-hidden field__item\">\n<p>FDP-Pr\u00e4sidiumsmitglied und Bundesminister der Justiz Dr. Marco Buschmann schrieb f\u00fcr die \u201eWelt am Sonntag\u201c den folgenden Gastbeitrag:<\/p>\n<figure id=\"attachment_1186\" aria-describedby=\"caption-attachment-1186\" style=\"width: 800px\" class=\"wp-caption aligncenter\"><a href=\"https:\/\/fdp-aktiv.de\/blog\/wp-content\/uploads\/2021\/05\/buschmann-marco-scaled.jpg\"><img loading=\"lazy\" decoding=\"async\" class=\"size-large wp-image-1186\" src=\"https:\/\/fdp-aktiv.de\/blog\/wp-content\/uploads\/2021\/05\/buschmann-marco-1024x683.jpg\" alt=\"Marco Buschmann\" width=\"800\" height=\"534\" srcset=\"https:\/\/fdp-aktiv.de\/blog\/wp-content\/uploads\/2021\/05\/buschmann-marco-1024x683.jpg 1024w, https:\/\/fdp-aktiv.de\/blog\/wp-content\/uploads\/2021\/05\/buschmann-marco-300x200.jpg 300w, https:\/\/fdp-aktiv.de\/blog\/wp-content\/uploads\/2021\/05\/buschmann-marco-768x512.jpg 768w, https:\/\/fdp-aktiv.de\/blog\/wp-content\/uploads\/2021\/05\/buschmann-marco-1536x1025.jpg 1536w, https:\/\/fdp-aktiv.de\/blog\/wp-content\/uploads\/2021\/05\/buschmann-marco-2048x1366.jpg 2048w\" sizes=\"auto, (max-width: 800px) 100vw, 800px\" \/><\/a><figcaption id=\"caption-attachment-1186\" class=\"wp-caption-text\">Marco Buschmann<\/figcaption><\/figure>\n<p>Wenn ich einen Wunsch frei h\u00e4tte, was wir uns als Gesellschaft f\u00fcr das neue Jahr vornehmen sollten, w\u00e4re meine Wahl: eine bessere Debattenkultur f\u00fcr unser Land. Denn sie ist akut durch zwei Probleme gef\u00e4hrdet.<\/p>\n<p>Das erste Problem ist eine sich immer weiter steigernde Unduldsamkeit gegen\u00fcber Standpunkten, die nicht die eigenen sind. Jeder glaubt, recht zu haben. Immer gr\u00f6\u00dfer ist die Wut, dass es nicht so l\u00e4uft, wie man selbst es f\u00fcr richtig h\u00e4lt\u00a0\u2013 ob bei Migration, Klima oder Corona. Die Gegenseite wird mit immer gr\u00f6\u00dferen moralischen Keulen traktiert. Jeder Grauton jenseits von \u201eNazi\u201c oder \u201eoffene Grenzen\u201c, \u201eKlimaleugner\u201c oder \u201e\u00d6ko-Faschist\u201c, \u201eQuerdenker\u201c oder \u201eCorona-Diktatur\u201c l\u00e4uft Gefahr, von einem Meinungspol ins aufmerksamkeits\u00f6konomische Gravitationsfeld des anderen Pols gesto\u00dfen zu werden. Manche beschimpfen die anderen nicht einmal mehr, sondern haken sie gleich ganz ab. Der Anteil der Menschen in Deutschland, die sich gerne mit Andersdenkenden austauschen, geht nach Umfragen seit Jahren zur\u00fcck. K\u00fcrzlich ermittelte das Allensbach-Institut nur noch 37 Prozent. Schwindet die Einsicht, dass es legitime Meinungen geben kann jenseits der eigenen?<\/p>\n<p>Unsere Ordnung der Freiheit mutet den Menschen etwas zu. Dazu geh\u00f6rt der Meinungspluralismus. Stattdessen greift eine immer gr\u00f6\u00dfere Ambiguit\u00e4tsintoleranz um sich. Es mangelt zunehmend an der F\u00e4higkeit, Unsicherheiten und mehrdeutige Situationen zu ertragen. Man zieht sich in \u201esafe spaces\u201c und die eigene \u201ebubble\u201c zur\u00fcck. Und jenseits des eigenen Meinungskokons scheinen nur noch \u201everbotene Zonen\u201c voller \u201eBarbaren\u201c zu existieren. Das ist eine Gefahr f\u00fcr eine der gr\u00f6\u00dften St\u00e4rken liberaler Gesellschaften. Denn seit der Aufkl\u00e4rung haben sie eine faszinierende Kulturtechnik entwickelt: die \u00f6ffentliche Er\u00f6rterung politischer Sachverhalte. Sie ruft das in der Gesellschaft verstreute Wissen auf. Sie setzt jeden Vorschlag zur Regelung \u00f6ffentlicher Angelegenheiten der freien Debatte aus. Debatte aber hei\u00dft Rede und Gegenrede. Das setzt Debattenkultur voraus: eine Kultur, die immer neu zum sachlichen Widerspruch ermutigt.<\/p>\n<p>Was wir zum Schutz der Debattenkultur in der Tradition der Aufkl\u00e4rung mobilisieren m\u00fcssen, w\u00e4re das, was im Kern \u201eBildung\u201c bedeutet. Bildung f\u00e4ngt mit Unsicherheit und Zweifel an, mit der Wahrnehmung und mit dem Aushalten von Problemen, nicht mit Wissen und Gewissheiten, auch nicht mit moralischen. Bildung hei\u00dft, den Sinn f\u00fcr legitime Vielfalt und unvermeidbare Uneindeutigkeit zu sch\u00e4rfen. Die produktive Bearbeitung \u00e4u\u00dferer Konflikte ist nicht m\u00f6glich ohne solchen inneren Konflikt. Wer nicht einen Augenblick bereit ist anzunehmen, dass man selbst im Unrecht und der andere im Recht sein k\u00f6nnte, wird keine gemeinsamen L\u00f6sungen und Antworten finden.<\/p>\n<p>Das zweite Problem besteht in einer Abwendung vom Individuum und einer zunehmenden Betrachtung der Gesellschaft als einer Ansammlung von immer mehr Gruppen, die sich durch Benachteiligung definieren. Damit einher geht eine wachsende Empfindlichkeit gegen\u00fcber Worten und Taten, in denen man Spuren von unzul\u00e4ssigen kulturellen \u00dcbernahmen, von Nicht-Anerkennung oder Schlimmerem wahrnimmt. Die Beispiele h\u00e4ufen sich: ob es um die \u00dcbersetzung von Gedichten oder die Verwendung einzelner Worte geht. Um keinen Zweifel aufkommen zu lassen: Es gibt Worte, die erniedrigen und mit ihrer Verwendung eindeutig erniedrigen sollen. Sie haben im aufgekl\u00e4rten Diskurs nichts zu suchen. Aber m\u00fcssen wir stets mit der Lupe methodisch unterstellter Missgunst unterwegs sein, die vom eigentlichen Kern der Debatte ablenkt?<\/p>\n<p>Es ist dringend, dass wir Gegenkr\u00e4fte entwickeln gegen all diese Gef\u00e4hrdungen liberaler Demokratie und politischer Kultur \u2013 Gegenkr\u00e4fte der Liberalit\u00e4t: andere Standpunkte verstehen, aushalten, respektieren wollen, bis zur Grenze wiederum des Illiberalen nat\u00fcrlich nur; weniger mit Empfindlichkeit kommunizieren und mehr mit Analyse und Argument. Der britische Historiker Timothy Garton Ash hat das vor einiger Zeit \u201erobuste Liberalit\u00e4t\u201c genannt und dazu aufgerufen.<\/p>\n<p>Wir m\u00fcssen erkennen, dass Empfindlichkeit auch ihre kommunikative Schattenseite hat. Nat\u00fcrlich ist sie ein Motor von Zivilit\u00e4t und Humanit\u00e4t; aber sie kann auch schaden, sie kann Austausch, Entwicklung, lehrreichen Perspektivenwechsel hemmen, sie kann abschotten von allem, was uns irritieren und damit auch weiterbringen k\u00f6nnte. Heute ist \u00fcberall viel von \u201eResilienz\u201c die Rede. Es w\u00e4re wichtig, dass wir emotional resilienter werden, dass wir nicht bei jeder Verstimmung, jedem Unwohlsein glauben, dass da jetzt jemand kommen m\u00fcsse, um Abhilfe zu schaffen. F\u00fcr den souver\u00e4nen Umgang mit Pluralit\u00e4t, Konflikt und Widerspruch als den Folgen von Freiheit ist etwas n\u00f6tig, das man auch Demut nennen k\u00f6nnte: selbst vom Hochsitz des Besserwissers herabsteigen; unterstellen, dass der andere nicht rundheraus b\u00f6swillig ist, sondern auch einen Punkt hat, der Beachtung verdient. Wir m\u00fcssen das \u00fcben, was man in den Geisteswissenschaften das \u201ehermeneutische Wohlwollen\u201c genannt hat, die Maxime: Lies und h\u00f6re den anderen stets so, dass du das bestm\u00f6gliche Gemeinte herausholst!<\/p>\n<p>Wir k\u00f6nnen alle \u2013 durch die Art und Weise, wie wir miteinander reden, wie wir aufeinander reagieren\u00a0\u2013 dazu beitragen, dass wir bei aller Diversit\u00e4t als Gesellschaft nicht in voneinander sich abschottende Gruppen zerfallen, sondern einander zugewandt bleiben im streitenden Gespr\u00e4ch. Wir m\u00fcssen \u2013 das ist mein Pl\u00e4doyer \u2013 anderen Positionen wieder besser und mehr zuh\u00f6ren. Wir m\u00fcssen die Angst ablegen, von Meinungen, die wir nicht teilen, sozusagen kontaminiert zu werden. Begreifen wir sie im Gegenteil als Anlass zum Hinterfragen und zum Widerspruch. Erinnern wir uns daran, dass Streit nicht nur die Abwesenheit von Eintracht ist, sondern schlicht das Aufeinanderprallen unterschiedlicher Meinungen. Trauen wir uns bessere Debatten zu. Bleiben wir sensibel f\u00fcr die tats\u00e4chliche Gleichheit der Rechte und der Freiheit, die unser Grundgesetz allen verspricht; aber werden wir auch sensibel f\u00fcr die Gef\u00e4hrdungen unseres kommunikativen Miteinanders in der liberalen Demokratie, die ich versucht habe zu schildern. Nur auf der Grundlage einer besseren Debattenkultur werden wir die Probleme gut l\u00f6sen k\u00f6nnen, die uns auch das neue Jahr vielf\u00e4ltig aufgeben wird.<\/p>\n<\/div>\n","protected":false},"excerpt":{"rendered":"<p>FDP-Pr\u00e4sidiumsmitglied und Bundesminister der Justiz Dr. Marco Buschmann schrieb f\u00fcr die \u201eWelt am Sonntag\u201c den folgenden Gastbeitrag: Wenn ich einen Wunsch frei h\u00e4tte, was wir uns als Gesellschaft f\u00fcr das [&#8230;]<\/p>\n","protected":false},"author":1,"featured_media":0,"comment_status":"open","ping_status":"closed","sticky":false,"template":"","format":"standard","meta":{"footnotes":""},"categories":[173,536],"tags":[1273,1604,455],"class_list":["post-8747","post","type-post","status-publish","format-standard","hentry","category-podcast","category-sicherheit","tag-debattenkultur","tag-dr-marco-buschmann","tag-gastbeitrag"],"_links":{"self":[{"href":"https:\/\/fdp-aktiv.de\/blog\/wp-json\/wp\/v2\/posts\/8747","targetHints":{"allow":["GET"]}}],"collection":[{"href":"https:\/\/fdp-aktiv.de\/blog\/wp-json\/wp\/v2\/posts"}],"about":[{"href":"https:\/\/fdp-aktiv.de\/blog\/wp-json\/wp\/v2\/types\/post"}],"author":[{"embeddable":true,"href":"https:\/\/fdp-aktiv.de\/blog\/wp-json\/wp\/v2\/users\/1"}],"replies":[{"embeddable":true,"href":"https:\/\/fdp-aktiv.de\/blog\/wp-json\/wp\/v2\/comments?post=8747"}],"version-history":[{"count":1,"href":"https:\/\/fdp-aktiv.de\/blog\/wp-json\/wp\/v2\/posts\/8747\/revisions"}],"predecessor-version":[{"id":8748,"href":"https:\/\/fdp-aktiv.de\/blog\/wp-json\/wp\/v2\/posts\/8747\/revisions\/8748"}],"wp:attachment":[{"href":"https:\/\/fdp-aktiv.de\/blog\/wp-json\/wp\/v2\/media?parent=8747"}],"wp:term":[{"taxonomy":"category","embeddable":true,"href":"https:\/\/fdp-aktiv.de\/blog\/wp-json\/wp\/v2\/categories?post=8747"},{"taxonomy":"post_tag","embeddable":true,"href":"https:\/\/fdp-aktiv.de\/blog\/wp-json\/wp\/v2\/tags?post=8747"}],"curies":[{"name":"wp","href":"https:\/\/api.w.org\/{rel}","templated":true}]}}