Aus den Antworten, die dem SPIEGEL vorliegen, schließt Kober: »Selbst nach über einem Jahr Pandemie sind der Bundesregierung die Auswirkungen der Coronamaßnahmen nicht ausreichend bekannt. Sie verfolgt eine Politik, deren Folgen sie nicht abschätzen kann.«
Eine solche »Politik ins Blaue hinein« zum Nachteil der Gesundheit von Kindern und Jugendlichen sei verantwortungslos. Kober bezieht sich etwa darauf, dass der Bundesregierung nach eigenen Angaben detaillierte Kenntnisse zur Entwicklung des Anteils von Kindern und Jugendlichen mit Übergewicht, zu Essstörungen, zu Drogenmissbrauch sowie auch zu den Auswirkungen der Schulschließungen auf die Lernleistungen der Schülerinnen und Schüler fehlen.
Auch zu möglicherweise größeren sprachlichen Defiziten könne die Bundesregierung keine bundesweiten, belastbaren Daten vorlegen. Zu Kindern aus sozial benachteiligten Familien, bei denen von besonders gravierenden Belastungen auszugehen sei, gebe es ebenfalls nicht genügend Erkenntnisse.
Zu selten Rat von Kinder-Experten eingeholt?
In ihren Antworten auf die FDP-Fragen verweist die Bundesregierung hingegen unter anderem darauf, dass sie eine groß angelegte Studie zur Kinderbetreuung in Kitas während der Coronapandemie fördert. Bei der Erhebung von Lernrückständen seien die Bundesländer zuständig. »Gesonderte Untersuchungen zu den Auswirkungen der Schließungen von Schulen auf die Gesundheit von Kindern und Jugendlichen werden von der Bundesregierung nicht gefördert«, heißt es in dem Schreiben.
Gleichzeitig weist die Antwort auf mehrere vorliegende Studien hin, darunter die COPSY-Studie des Universitätsklinikums Hamburg-Eppendorf. Demnach ist ein Anstieg psychischer und psychosomatischer Symptome bei Kindern und Jugendlichen zu verzeichnen.
Ferner wird die JuCo-Studie des Forschungsverbunds »Kindheit – Jugend –Familie in der Corona-Zeit« der Universität Hildesheim und Frankfurt genannt, wonach Jugendliche vermehrt mit Sorge in die Zukunft blicken. 45 Prozent der Befragten äußerten demnach Zukunftsängste. Besonders betroffen seien Jugendliche, die von Haus aus wenig Ressourcen mitbringen.
Kober kritisiert, der Bundesregierung sei zwar durchaus bekannt, dass die Coronaregeln für Kinder und Jugendliche negative Folgen hätten. Gleichzeitig habe sie aber versäumt, bei ihrer politischen Entscheidungsfindung häufiger den Rat von Experten einzuholen, wenn es um die Gesundheit von Kindern und Jugendlichen gehe. In der Antwort auf die Kleine Anfrage heißt es dagegen, Termine etwa von Bundeskanzlerin Angela Merkel oder Gesundheitsminister Jens Spahn mit entsprechenden Fachleuten würden schlicht nicht umfassend dokumentiert.
Kober fordert, die Bundesregierung müsse sich dringend umfassende und belastbare Kenntnisse über die Auswirkungen der Corona-Beschränkungen für Kinder und Jugendliche verschaffen. Hierzu gehörten insbesondere Erkenntnisse über die Folgen von Schulschließungen sowie Erhebungen, die besonders Kinder in sozial schwachen Milieus in den Blick nehmen.
Es könne »nur mit umfassender Kenntnis gelingen, Kinder und Jugendliche zielgerichtet zu unterstützen und entstandenen Chancenungleichheiten entgegenzuwirken«. Nun seien verantwortungsvolle, schrittweise Öffnungen im Kita- und Schulbereich nötig statt erneuter Schließungen, um langfristige Schäden bei den Bildungs- und Gesundheitschancen gerade von sozial benachteiligten Kindern zu verhindern.
Ob und wie weit Kitas und Schulen trotz Corona geöffnet bleiben, entscheiden in Deutschland die einzelnen Bundesländer.